Knigge für den Umgang mit Ungarn im Alltag und im Geschäftsleben
Wer mit der Tür ins Haus fällt, hat schlechte Karten bei Verhandlungen

Wenn jemand hinter Ihnen in die Drehtür tritt und vor Ihnen heraus kommt, dann kann das nur, ja, richtig geraten, ein Ungar sein. Schlitzohrigkeit gehört zu den Ungarn wie ihre fassettenreiche Sprache, die von Natur aus urheberrechtlich geschützt ist - erlernbar nur für Ungarn.

BUDAPEST. Schließlich hat diese durchaus liebenswürdige Schlitzohrigkeit das kleine Volk und seine Sprache in den letzten fünfhundert Jahren vor dem Untergang bewahrt. Die Ungarn haben die Türken, die Habsburger und die Sowjets nicht nur überlebt, sondern diesen Großmächten letztlich ihre Grenzen aufgezeigt - das gibt ihnen ein Gefühl der Überlegenheit. Sie mussten alle nationalen Katastrophen, Mongolensturm (1241/1242), Türkeninvasion (1526), den gescheiterten Freiheitskampf gegen die Habsburger (1848/49), den Oktoberaufstand (1956) ohne Hilfe von Außen meistern und bekamen im Vertrag von Trianon (nach dem ersten Weltkrieg, 1920) zwei Drittel ihres Staatsgebietes mit der Hälfte der Bevölkerung abgesprochen - das macht sie misstrauisch gegenüber Fremden und begründet einen ausgeprägten Nationalstolz, gepaart mit tiefverwurzeltem Pessimismus.

Hinzu kommt überdurchschnittliche Intelligenz - kein Volk kann so viele Nobelpreisträger pro Kopf der Bevölkerung für sich reklamieren wie die Ungarn. "Ungar zu sein ist eine kollektive Neurose", meint der Schriftsteller Arthur Koestler, der 1983 im hohen Alter von 78 Jahren noch den Freitod wählte.

Der Umgang mit intelligenten "Neurotikern" verlangt nicht nur Einfühlungsvermögen, er stellt an die intellektuellen Fähigkeiten höchste Anforderungen. Zudem ist die ungarische Sprache eine Barriere, die von einem Ausländer selten überwunden wird. "Jó napot kívánok" (guten Tag), oder "viszontlátásra" (auf Wiedersehen), lassen sich ja zur Not noch lernen und auch richtig aussprechen, aber schon beim Trinkspruch "egészségedre" (auf deine Gesundheit), wird es tückisch. Eine leichte Abweichung von der korrekten Aussprache macht aus der "Gesundheit" einen "ganzen Arsch".

Dass man in Ungarn die Damen nicht nur verbal mit "kezét csókolom" (küss die Hand) begrüßt, sondern den Handkuss selbst auch ausführt, mag auf die KuK-Vergangenheit zurückzuführen sein. Aber auch sonst erwarten ungarische Damen, als solche behandelt zu werden. Das Öffnen der Beifahrertür, das Helfen in den Mantel, das Tür öffnen und Vortritt lassen, in Deutschland als unemanzipiert verpönt, ist in Ungarn ein Muss. Traditionell ist auch die Kleidung. Im geschäftlichen und gesellschaftlichen Leben hat der konventionelle Anzug mit Krawatte in gedeckten Farben seinen festen Platz. Qualität, besonders bei Schuhen, wird im Land der "Budapester" als Hinweis auf solide Vermögensverhältnisse gewertet.

Ungarn sind großzügig und erwarten Großzügigkeit. Knausern bei Geschäftsessen oder Gastgeschenken ist eine von zwei Methoden, sich nachhaltig unbeliebt zu machen. Die zweite liegt darin, Überlegenheit oder gar Herablassung spüren zu lassen. Die Ungarn sind zwar bekannt für ihren Humor, aber dieser Humor ist speziell und bezieht sich meist auf die Ironisierung gesellschaftlicher oder politischer Missstände ("die lustigste Baracke des Ostblocks"). Über sich selbst zu lachen, fällt schon schwerer, besonders, wenn ein Ausländer ungarische Sitten, die ungarische Politik oder übertriebenes Ungarntum aufspießt. Politik ist generell ein heikles Thema geworden, seit der Wahlkampf 2002 tiefe emotionale Gräben zwischen den Anhängern der beiden großen Parteiblöcke aufgerissen hat.

Für Verhandlungen mit Ungarn muss mehr Zeit eingeplant werden, als in Deutschland oder den angelsächsischen Ländern üblich. Es ist schlicht unhöflich, sofort zum Kern der Sache zu kommen. Erst muss die Person berochen werden (Ehefrau, Kinder, Sport, Gebrechen), dann wird das im allgemeinen gute Wetter in Ungarn gewürdigt und erst nach Klärung aller übrigen weltpolitisch bedeutsamen Fragen kommt das eigentliche Anliegen zur Sprache. Das Gespräch verläuft im allgemeinen nicht zielorientiert sondern eher unstrukturiert, es bleibt Raum für Anekdoten und längere Monologe.

Dieser Verhandlungsstil erfordert Geduld, aber aus ungarischer Sicht ist er angenehmer und letztlich ergiebiger als der angelsächsische, denn er fördert Spontaneität, Ideen und Emotionen. Dass er auch das Erinnerungsvermögen trüben kann, stellt sich immer dann heraus, wenn das Verhandlungsergebnis schriftlich fixiert werden soll und der vermeintliche Konsens sich in Luft auflöst.

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