Know-How durch die Nasa
Speedo-Anzug Gipfel des „Schwimm-Wettrüstens“

US-Superstar Michael Phelps fühlt sich in seinem Wettkampfanzug "wie von einem anderen Stern", der Australier Grant Hackett "wie ein Messer, das durch Butter gleitet" und Britta Steffens Rivalin Lisbeth Trickett "als ob man bergab schwimmt". Nie zuvor ist einem Schwimmanzug bei Olympia eine so große Bedeutung beigemessen worden. Die Mühen der Ausrüster im Kampf um Hundertstelsekunden erinnerten vor Peking an das High-Tech-Wettrüsten in der Formel 1.

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht das australische Unternehmen Speedo. Fast alle Weltrekorde in diesem Jahr wurden im neuen Anzug LZR Racer aufgestellt. Beteiligt an der Entwicklung war unter anderem die US-Weltraumbehörde Nasa - und auch Phelps, der im Falle eines Olympiarekords von acht Siegen mit einer Prämie von einer Million Dollar (650 000 Euro) von seinem Sponsor belohnt würde.

Die Diskussion um die Anzüge nahm beinahe hysterische Züge an. In Japan zum Beispiel trieb Olympiasieger Kosuke Kitajima die Kurse der heimischen Ausrüster an der Börse von Tokio in den Keller, als er über 200m Brust einen Weltrekord im Racer aufstellte und sich auch mit Blick auf Olympia für das Modell entschied.

Was ist dran, an den neuen Anzügen, die von Schwimm-Experten als "textiles Doping" bezeichnet werden? Erstmals wurden die Stofflagen nahtlos mit Ultraschall verschweißt. Das soll den Widerstand im Wasser um etwa 24 Prozent senken. Zudem halten spezielle Einsätze den Körper in einer stromlinienförmigen Position - wie Pfeile, die durch das Wasser schießen. Nebenbei bewirkt die höhere Kompression, damit das Herz mehr Blut pumpt.

Speedo hat sich bei der Entwicklung nicht lumpen lassen. Es wurden Experten für computergestützte Konstruktionssoftware, für Textiltechnologie, Biomechanik und Strömungslehre zusammengezogen. Getestet wurde mit Körper-Scans bei mehr als 400 Schwimmern und an mehr als 100 Geweben und Designs. Herausgekommen ist ein Produkt, das seinen Preis hat: Etwas mehr als 500 Euro kostet der Racer.

Örjan Madsen, Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), hält die Diskussion über die "Wunderanzüge" allerdings für völlig überzogen. Der Sportwissenschaftler verweist mit Blick auf die Weltrekordflut vor Olympia auf andere Gründe wie die zunehmende Professionalisierung im Schwimmsport, die Zulassung neuer Tauch- und Wendetechniken, oder bessere, wellenbrechenden Leinen. Und von richtigem Doping - neben dem textilen - ist noch gar keine Rede.

Madsen spricht von einer "geschickten PR-Maschinerie" und betont: "Davon darf man sich im Kopf nicht verrückt machen lassen." Zumindest fühlen sich die deutschen Schwimmer laut Europameister Paul Biedermann nicht mehr benachteiligt, nachdem DSV-Ausrüster adidas mit dem neuen Anzug Techfit Powerwebsuit nachgelegt hat. "Das Thema geistert nicht mehr in unseren Köpfen herum", hat Biedermann in Peking verkündet: "Es gibt keine Anzugdiskussion mehr, sondern eine Anzuglösung."

Goldhoffnung Steffen, die in Peking bis zum Auftakt am Samstag mit der 4x100m-Freistilstaffel auf Tauchstation gegangen ist, unterstrich diese Einschätzung: Sie ließ mit ihrem Europarekord zuletzt in Magdeburg Taten statt Worte sprechen - und die Diskussion über die Anzüge zumindest bis zum ersten Start etwas verstummen.

© SID

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