Koalition als Songdrama
Intimer Blick ins Kanzleramt

Pünktlich zum einjährigen Bestehen des schwarz-roten Regierungsbündnisses in Berlin hat Regisseur Erik Gedeon am vergangenen Samstag "Große Koalition - Das Kanzleramt, wie es singt und lacht" zur Uraufführung gebracht. Bei Gedeon singt das Kanzleramt vor allem. Gesprochen wird auf der Bühne kaum.

DÜSSELDORF. Die Bundeskanzlerin ist sauer. Noch einen Koalitionskrach, das hält sie einfach nicht aus. Sie eilt um den Sitzungstisch zum Platz des Vizekanzlers und reißt seinen roten Pullunder von der Stuhllehne. Die Kanzlerin zerreißt das gute Stück und nimmt dabei die Zähne zu Hilfe. Sichtlich befriedigt zieht sie sich dann in eine Sitzecke zurück. Der Vizekanzler beobachtet die Attacke, zerrt wutentbrannt einen dicken Stift aus der Tasche, tritt neben die Regierungschefin und schreibt hinter ihr auf die Wand: "Schlampe". Dann malt er einen Pfeil, der direkt auf den Kopf der Bundeskanzlerin zielt. Derbe Szenen aus dem Berliner Kanzleramt? Nein, Premierenabend im Düsseldorfer Schauspielhaus.

Pünktlich zum einjährigen Bestehen des schwarz-roten Regierungsbündnisses in Berlin hat Regisseur Erik Gedeon am vergangenen Samstag "Große Koalition - Das Kanzleramt, wie es singt und lacht" zur Uraufführung gebracht. Bei Gedeon singt das Kanzleramt vor allem. Gesprochen wird auf der Bühne kaum, stattdessen sollen Opern, Schlager und Lieder aus Rock und Pop die Befindlichkeiten der beiden Regierungspartner ausdrücken: Politik als "Songdrama". Das funktioniert zuweilen erstaunlich gut. So nähern sich die beiden Regierungsparteien nach beschlossener Zwangsehe mit dem Nena-Song "Leuchtturm" an. Sie singen: "So wie es ist. Und so wie du bist. Bin ich immer wieder für dich da. Ich lass? dich nie mehr alleine. Das ist dir hoffentlich klar." Drafi Deutschers "Marmor, Stein und Eisen bricht" ist gar für eine Drohung gut, sich an vereinbarte Eckpunkte zu halten: "Kann ich einmal nicht bei dir sein, denk daran, du bist nicht allein, dam-dam, dam-dam."

Wie in Berlin zu Zeiten der Gesundheitsreform, so wird auch auf der Düsseldorfer Bühne schnell klar, dass "die einen" und "die anderen" nicht miteinander können. Diffamierungen und Grabenkämpfe werden zum politischen Alltag. Die Angst, das eigene Parteiprofil zu verlieren, regiert mit. Große Reformen lassen sich mit dem Prinzip des Minimalkonsenses ohnehin nicht erreichen. Im Kanzleramt wird der Titel "Kein Zurück" von Wolfsheim angestimmt: "Ein Wort zu viel im Zorn gesagt, ein Schritt zu weit nach vorn gewagt. Schon ist es vorbei."

Der Regisseur und musikalische Leiter Erik Gedeon, der zu Beginn des Jahres schon "Hartz IV" als Musical am Staatsschauspiel Dresden inszenierte, verzichtet zwar auf die Nennung von Namen. Doch es lässt sich schnell erraten, wer für welche Figur Pate steht. Die Kanzlerin trägt einen rosa Blazer im typischen Merkel-Schnitt und wiegt sich etwas beim Gehen. Der Vizekanzler hat einen roten Münte-Schal um den Hals geschlungen und verliest seine Reden mit dem harten Zungenschlag des Sauerländers. Einer der Schauspieler legt den Kopf schief und stoibert.

"Mit dem intimen Blick in das Kanzleramt fordere ich mehr Transparenz ein", sagt Gedeon, der sich nach einer "menschlich nachvollziehbaren" Politik sehnt. "Der Politik begegne ich humorvoll, sonst bleibt ja nur die Politikverdrossenheit, wie sie die meisten Bürger empfinden." Das Publikum im Düsseldorfer Schauspielhaus ist zur Uraufführung alles andere als verdrossen. Es lacht und klatscht, auch wenn das Humorige hier und da ins Klamottige entgleitet. Muss man Müntefering zeigen, wie er sich im Kanzleramt erbricht, um vor Augen zu führen: Das Politikgeschäft ist zum Kotzen? "Das kann man auch anders ausdrücken, obwohl es im Kern wohl treffend ist", urteilt Premierengast Karlheinz Dalheimer, von Beruf Oberstaatsanwalt.

Nach der Aufführung sitzt er im Foyer, es wird Finger-Food gereicht. "Gut rüber kam die Abgehobenheit der Politiker und wie sie um sich selbst kreisen", meint er. Personalberaterin Margit Roeingh hat sich gut amüsiert. "Die Figuren sind sofort zu erkennen, besonders die Gesten der Merkel sind frappierend", sagt sie beim Prosecco. "Dieser Liederabend trifft einfach die öffentliche Meinung." Dass die Wähler nur umgarnt und parteiübergreifend mit allerlei Floskeln abgespeist werden, findet Alexander Boeck trefflich dargestellt. Der frühere Manager eines großen Düsseldorfer Unternehmens ist mit seiner Gattin häufiger zu Gast im Schauspielhaus. Beim Bier im Anschluss an das Stück befinden beide die lächerliche Überhöhung der Politik als unterhaltsam: "Sonst ist Politik gar nicht auszuhalten."

In Berlin dürften der großen Koalition indes weitere dunkle Stunden bevorstehen. Auch da könnten die Zeilen von Udo Jürgens weiterhelfen, wie sie auf der Düsseldorfer Bühne erklingen: "Ja, immer, immer wieder geht die Sonne auf. Denn Dunkelheit für immer gibt es nicht. Die gibt es nicht, die gibt es nicht."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%