Koalitionsrunde
Ein Handy klingelt im Kanzleramt

Ausgesprochen aufgeräumt wirkt Peter Ramsauer an diesem Donnerstagmittag. Dieses Koalitionstreffen muss, glaubt man seinen Worten, ein wahres Fest schwarz-roter Zutraulichkeit gewesen sein. "Eine absolut vertrauensvolle Stimmung" habe geherrscht, schwärmt er und gibt Einblicke in eine eigentlich intime Atmosphäre.

BERLIN. Der CSU-Landesgruppenchef hat, wie in jeder Sitzungswoche, Journalisten in die bayerische Landesvertretung geladen. Bernhard Schwab betritt den Raum, der neue Pressesprecher der Landesvertretung und vormalige CSU-Parteisprecher. Er kommt etwas zu spät, aber noch rechtzeitig, um Ramsauers verbale Keulenhiebe auf die Zinsbesteuererung zu erleben - zu den Getroffenen zählt Bayerns Finanzminister Kurt Faltlhauser. "Kommen?s nur rein, Herr Schwab", ruft Ramsauer fröhlich. "Das ist wichtig, dass Sie das gleich nach München melden."

Der eigentliche Grund für Ramsauers Fröhlichkeit sind aber seine Erlebnisse vom Vorabend. Erst war er im Bierzelt, auf dem "Oktoberfest" vor dem Roten Rathaus, und dann im Kanzleramt, beim Koalitionsausschuss. Dieses Koalitionstreffen muss, glaubt man seinen Worten, ein wahres Fest schwarz-roter Zutraulichkeit gewesen sein. "Eine absolut vertrauensvolle Stimmung" habe geherrscht, schwärmt er. Derart einig sei man sich gewesen, die Gesundheitsreform zu verschieben, dass dieser Beschluss "wie eine reife Frucht" vom Baum gefallen sei, "und die haben wir alle gemeinsam aufgefangen".

Zwist, Unstimmigkeiten, harte Worte? Kein Wort dazu von Ramsauer: "Dauernd, wenn einer ein Problem beschrieben hat, haben alle genickt."

Zu siebt saßen sie diesmal wieder um einen Tisch: Kanzlerin und Vizekanzler, die Partei- und Fraktionsvorsitzenden und der CSU-Landesgruppenchef. Kein anderer war zugelassen, auf dass niemand argwöhnen müsse, dass intime Details nach außen dringen. Das war bisher gelegentlich vorgekommen, weshalb die Fraktionsspitzen samt Ramsauer beim letzten Mal nicht dabei sein durften.

Um die intime Atmosphäre zu verdeutlichen, erzählt Ramsauer eine Anekdote: Angela Merkel habe telefonieren müssen und sei deshalb aus dem Zimmer gegangen. Aus Versehen habe sie die Tür hinter sich zugezogen, was wegen der Sicherheitsschlösser im Kanzleramt ein Fehler gewesen sei. "Dann haben wir es bumpern gehört", sagt Ramsauer. "Wer steht draußen? Die Kanzlerin."

Apropos telefonieren: Das Handy des Franz Müntefering habe die ganze Zeit gepiepst, berichtet Ramsauer weiter. Zunehmend genervt habe er den Vizekanzler irgendwann gefragt, was es denn gebe. Darauf Müntefering: "Acht zu Null!" Bei jedem neuen Tor der Fußball-Nationalmannschaft im Spiel gegen San Marino habe das Handy geklingelt - bis zum Endstand von 13:0. "Dann war auch bald Schluss."

Bei der SPD hat man freilich nicht nur lustige Erinnerungen an die Telefonate dieses Abends. Auch das Handy von SPD-Chef Kurt Beck habe nämlich kurz nach 22 Uhr geklingelt, berichten Eingeweihte. Dabei habe Beck erfahren, dass die kurz zuvor gefasste Einigung auf die Verschiebung der Gesundheitsreform bereits über die Ticker laufe. Beck war erbost, und die Sozialdemokraten machten sich einen Reim auf das diskrete Verschwinden der Hausherrin zuvor.

Die Kanzlerin, unkte ein vergrätzter Koalitionspartner anschließend, habe wohl über ihren Regierungssprecher Ulrich Wilhelm die Deutsche Presseagentur ins Bild gesetzt - und so SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die Möglichkeit genommen, die Nachricht am nächsten Tag im Bundestag selber zu verkünden: Nach all den Treueschwüren ein klares Foul. "Beim nächsten Mal", scherzte ein Genosse gequält, müssen wir wohl ohne die Kanzlerin tagen."

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