Kochen ist im Kommen
Hobbyköche in der Profiküche

Äußerst variantenreich präsentiert sich das Berliner Szene-Restaurant UCF montags. Denn dann stehen die Gäste am Herd. Mit Unterstützung des Küchenchefs entwerfen sie ein Menü - und rühren heftig in seinen Kochtöpfen

Alles wirkt professionell: Die beiden jungen Männer in der Küche des "Urban Comfort Food (UCF)" schnippeln Zucchini, schälen Knoblauch, würfeln Zwiebeln. Aber Drago Baotic und Oliver Sartorius sind keine ausgebildeten Köche, sondern "Guest Cooks".

Jeden Montag lässt das Berliner Szenelokal UCF Laienköche an den Herd. Die Idee, den ansonsten lauen Wochenbeginn aufzupeppen, hatte Inhaberin Melissa Perales. Am ersten Tag der Woche, so ihre Überlegung, bleiben viele ausgehfreudige Berliner, vom Wochenende ermattet, zu Hause. Das sollte anders werden - und ist mit "Guest Cooks" auch geworden.

Die Hobbyköche bringen ihre Freunde und Bekannten mit, die ein volles Haus bescheren und ideale Werbeträger abgeben. Natürlich kann montags auch jeder fremde Gast im UCF speisen. Für 7,50 Euro. Und wenn er den Hobbyköchen in der Profiküche zuschauen möchte, setzt er sich einfach an den Tresen.

Eigentlich dulden Küchenmeister keine Amateure in ihrem Reich. Doch Patrick Zollinger, der Koch des UCF, leiht sogar seine Töpfe aus. "Montags stehen bei uns Leute am Herd, die oft und gern für sich und ihre Freunde kochen, deren Küchen für Essen ab zehn Personen aber viel zu klein sind", sagt der Profi.

Die Menüs am "Guest Cook"- Montag bestehen immer aus Vor-, Haupt- und Nachspeise und verraten persönliche Vorlieben der männlichen wie weiblichen Laienköche. Die Palette reicht von solider Hausmannskost über exotische Spezialitäten bis zu extravaganten Kreationen. Mal bestehen die drei Gänge gänzlich aus Zitronen, es wird afrikanisch oder singhalesisch gekocht, mal kennt man die Gerichte wie Panna Cotta zur Genüge oder ist auf finnischen Quark neugierig. Der Küchenchef bespricht die Menüfolge vorher mit den Gastköchen, übernimmt Kalkulation und Einkauf und steht auch sonst beratend zur Seite.

Die miteinander befreundeten One-night-Köche Drago Baotic und Oliver Sartorius haben sich auf eingelegte Zucchini mit frisch gerupftem Oregano als Starter geeinigt. Als Hauptspeise kommen "Drago Balls" auf den Tisch, die sich als runde Frikadellen entpuppen, in denen ein gekochtes Ei steckt. Dazu gibt es deftige Bratkartoffeln und pikanten Krautsalat. Das Rezept der "Drago Balls" stammt aus Bosnien, der Heimat von Drago Baotic. "Wir haben das Menü an die osteuropäische Küche angelehnt", sagt der 33-jährige Musiker, der regelmäßig zu Hause den Koch gibt. "Wenn der Mann kocht, dann freut sich die Frau", sagt er und lacht. "Es ist ein Gerücht, dass junge Männer von heute nicht gut kochen können!"

Die Nachspeise dieses Abends bereitet Oliver Sartorius zu. Für die "Crème Brulée" mit Altbier und Vanille muss der Grafiker und TV-Cutter Eierschaum schlagen: "Ich dachte, dass sich 30 Eier genauso schnell schlagen lassen wie nur acht Stück, aber das Gegenteil ist der Fall." Auch ein Hobbykoch lernt eben nie aus. Doch das kann den Freunden des 33-jährigen Berliners nur recht sein, der oft für bis zu 14 Personen kocht. "Am liebsten gut bürgerlich und mediterran, denn eine spanische Hausfrau kocht ja auch nur Hausmannskost, wenn sie Paella zubereitet", erklärt Sartorius.

Schon dreimal Koch für einen Abend war Norbert Lutter, der leidenschaftlich gern mit Kochutensilien und-zutaten hantiert. Vor den ungewohnten Essensmengen hat der Finanzmakler keine Angst, weil er immer mit Zahlen jongliert. "Das ist reine Gefühlssache wie beim Kochen", glaubt der Mann, der in München arbeitet, aber in Berlin wohnt.

Der 55-Jährige bevorzugt "klare, einfache Gerichte" und verzichtet dabei gern aufs Kochbuch. Bayerische Semmelknödel etwa serviert er mit Sellerieschnitzeln und würziger Tomatensauce. Weil ihm das Kochen in einer Profiküche so großen Spaß macht, will Norbert Lutter im Herbst noch einmal die Kelle schwingen - wie immer im weißen Hemd mit Fliege.

Schon heftig über den Montag nach dem Erntedank-Wochenende grübelt Guest-Cook Kolin Schult. "Ich werde bestimmt einmal einen Spielfilm über das Kochen machen", sagt der 38-jährige Regisseur aus Berlin. Seine Menü-Folge für den 6. Oktober steht noch nicht fest. "Irgendetwas Ausgefallenes, was sonst keiner kocht", will der Sohn von Künstler H.A. Schult und Elke Koska servieren. Kürbis kommt garantiert nicht auf den Tisch. "Das kocht in dieser Zeit doch jeder!"

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