Köhler greift Argentiniens mangelnde Reformbereitschaft an
IWF-Chef Köhler sieht deutsche Wachstumsprognose mit Skepsis

"Die deutsche Wirtschaft wird sich 2003 erholen, aber für ein Wachstum von 2,5 % sehe ich im Moment eher Fragezeichen", sagte IWF-Chef Horst Köhler dem "Handelsblatt" (Donnerstagausgabe).

HANDELSBLATT. Er begründete seine Skepsis mit der gebremsten Binnennachfrage in Deutschland und den neuesten Exportzahlen, die schwächer seien als noch vor Monaten angenommen. Hier schlage der im Vergleich zum Dollar gestiegene Euro-Kurs zu Buche, der Ausfuhren in die USA verteuert. "Zum andern verläuft die Welt-Nachfrage nach Investitionsgütern eher schleppend, was die deutsche Wirtschaft mit ihrem starken industriellen Sektor besonders trifft", erklärte der IWF-Chef.

Demgegenüber bezeichnete er die US-Wirtschaft als "grundsätzlich stark". Durch ihre Produktivität und das "bei Weitem noch nicht erschöpfte Technologie-Potenzial" verfüge sie über eine beträchtliche Wachstumsdynamik. "Insgesamt sind wir sehr zuversichtlich, dass die Erholung im zweiten Halbjahr weiter an Kraft gewinnt", betonte Köhler. "Ende des Jahres könnte ein Wachstumspfad von drei bis 3,5% erreicht werden."

Im Lichte dieser Entwicklung und der derzeit geringen Inflationsgefahr sei nicht davon auszugehen, dass die US-Bundesbank die Leitzinsen demnächst erhöhe. Die von den Europäern mehrfach geäußerte Kritik am amerikanischen Leistungsbilanz-Defizit wies der IWF-Direktor als "einseitig" zurück. "Die USA haben jahrelang, nicht zuletzt durch ihre hohen Konsum-Ausgaben, die Welt-Konjunktur gestützt. Jetzt müssen die Europäer bei sich selbst für mehr Wachstum sorgen", sagte er. Dabei bemängelte Köhler das langsame Tempo an Strukturreformen im Euro-Raum, zum Beispiel auf dem Energiemarkt, bei den Finanz-dienstleistungen und im Telekommunikationsbereich.

"Dadurch werden Produktivitäts- und Wachstumsspielräume verschenkt", sagte er. Die Bundesregierung ermahnte der IWF-Direktor, für mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt zu sorgen. Nötig sei hier vor allem mehr Lohndifferenzierung, die sich an Produktivitätsunterschieden ausrichte. Scharf griff Köhler die mangelnde Reformbereitschaft der argentinischen Regierung an: "Ich habe von der gerade aus Buenos Aires zurückgekehrten IWF-Mission erfahren, dass die Argentinier offensichtlich keine Eile haben, mit uns über eine Restrukturierung der Bankenlandschaft zu sprechen. Das hat mich überrascht und enttäuscht", sagte er.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%