Kölner Versicherer hebt stille Reserven
Gerling-Übernahme durch HDI wackelt

Die geplante Übernahme von Gerling durch den HDI ist ins Stocken geraten und droht zu scheitern. Es liegt noch immer kein Kaufangebot vor. Die Deutsche Bank prüft deshalb bereits Alternativen.

DÜSSELDORF/FRANKFURT/M. Die Fusionsgespräche zwischen dem Gerling-Konzern und dem HDI drohen zu scheitern. Seit Ende November ist die Due Diligence abgeschlossen, sprich die Prüfung des Unternehmenswertes und der Ertrags- und Geschäftslage von Gerling. Ein Angebot hat der HDI aber bislang nicht vorgelegt, und HDI-Chef Wolf-Dieter Baumgartl ist in Urlaub gefahren. "Die Reisepläne von Herrn Baumgartl sind irrelevant", wiegelt ein HDI-Sprecher ab. Ob ein Angebot vorliegt oder nicht, wollten weder er noch sein Kollege von Gerling kommentieren, da Vertraulichkeit vereinbart worden ist.

Zwar macht nach Informationen aus Finanzkreisen der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, mächtig Druck, den Deal möglichst noch dieses Jahr abzuschließen, um die Versicherung aus der Bilanz zu bekommen. Doch das erscheint ohnehin nicht mehr möglich. Inzwischen wird in Finanzkreisen sogar ein Einstieg des HDI bei Gerling insgesamt in Frage gestellt: Der HDI drohe sich zu übernehmen, heißt es. Zudem würde der HDI versuchen, mögliche Risiken eines Kaufes auf die Verkäufer, die Deutsche Bank und Rolf Gerling, abzuwälzen.

Daher gibt es Überlegungen, den Gerling-Anteil der Deutschen Bank von 34,5 % über eine Auktion zu verkaufen. Als möglicher Interessent gilt der US-Versicherungsriese AIG, der das Angebot der Investoren-Gruppe um Chris Flowers bereits unterstützt. Als weiterer Name kursiert der britische Versicherer Royal and Sun Alliance. Allerdings sind die britischen Assekuranzen derzeit schwach kapitalisiert; die Ankündigung, bei Gerling einzusteigen, dürfte den Aktienkurs an der Börse unter Druck bringen. Zunächst würden aber weitere Kaufkandidaten, so die Informationen, erst einmal den Jahresabschluss von Gerling abwarten.

Um die Bilanz 2002 aufzupolieren, hebt der Gerling-Konzern nach Handelsblatt-Informationen stille Reserven aus den gesunden Tochtergesellschaften. Mit Hilfe der Neugliederung des Konzerns kann so die noch in diesem Jahr anfallende Abschreibung auf die erst zum 1. Januar verkaufte Rückversicherungstochter in Höhe von 600 Mill. kompensiert werden.

Konkret: Die drei Erstversicherer (Gerling Allgemeine, Gerling Leben und der Kreditversicherer Gerling NCM) werden in eine neue Zwischenholding eingebracht, die "Gerling Beteiligungs GmbH". Sie übernimmt die Erstversicherer von der Oberholding, Gerling Konzern - Versicherungs-Beteiligungs-AG. Dank dieser steuerfreien Umschichtung können die Töchter in der neuen Zwischenholding zu höheren Werten bilanziert werden und so den enormen Abschreibungsbedarf auf die Rück-Tochter ausgleichen.

Das Rückversicherungsgeschäft belastet den Gerling-Konzern 2002 aber wohl zum letzten Mal, da der Rückversicherer an den Finanzinvestor Achim Kann abgetreten wird. Der Deal wird derzeit noch von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) geprüft und ist somit noch nicht unter Dach und Fach.

Sollten die Übernahmegespräche zwischen dem HDI und Gerling tatsächlich platzen und gar ein angelsächsicher Versichercher zum Zug kommen, wäre das der Alptraum der deutschen Industrie. Denn Gerling ist nach der Allianz der größte Industrieversicherer Deutschlands und führt fast so viele Versicherungs-Konsortien bei Industriekunden an wie der Münchener Wettbewerber.

Angelsächsische Versicherer pflegen traditionell eine kurzfristigere Kundenbeziehung. Die Befürchtung: Alte Verbindungen werden gnadenlos gekündigt, Nachhaftungen aus Policen eingeschränkt.

Um das zu verhindern, bemüht sich derzeit August Oetker, persönlich haftender Gesellschafter und Chef der Oetker-Gruppe, in der Industrie Partner für eine gemeinsame Beteiligung am Gerling-Konzern zu finden. Um Gerling zu retten, hatte sich die Industrie bereits 1974 im Zuge der Herstatt-Affäre engagiert. Allerdings war das damals eine andere Größenordnung, und auch die Industrie ist heute knapp bei Kasse. Nicht zuletzt dürfte den börsennotierten Firmen kräftiger Gegenwind von Analysten und Fondsinvestoren drohen.

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