Königsdisziplin Mergers & Akquisition steckt in der Krise
Investmentbanker haben zurzeit nichts zu lachen

Mit Neuemissionen bei Aktien ist kein Geld zu verdienen. Und im Anleihegeschäft läuft es auch nicht rund wie gewünscht. Allerdings keimt hier wenigstens die Hoffnung auf eine Wende.

HB FRANKFURT. Viele Investmentbanker würden in diesen Tagen am liebsten morgens die Bettdecke über den Kopf ziehen und erst gar nicht im Büro erscheinen. Doch das geht nicht und entspricht letztlich auch nicht ihrem Naturell. Die Banker brauchen die tägliche Herausforderung und suchen sie auch. Deshalb gilt es, das Beste aus der Situation zu machen, die so schlecht ist, wie schon seit Jahren nicht mehr. Einzelne Milliardendeals können über die zurzeit desolate Situation nicht hinwegtäuschen, auch wenn sie für viel Aufmerksamkeit sorgen. Dazu gehörte in diesem Jahr etwa der Kauf der Reemstma Cigarettenfabriken durch die Imperial Tobacco Group. Nach einem viermonatigen Bieterwettbewerb bezahlte Imperial 6,8 Mrd. Euro für die Reemtsma-Anteile.

Trotzdem: Die Lage ist schwierig - auch in der Königsdisziplin Mergers & Akquisitions (M & A). Das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen steckt weltweit in der Krise und ist auf das Niveau von vor fünf Jahren abgerutscht. Inzwischen wird mit rund 1 Bill. US Dollar in drei Quartalen das gleiche Volumen erzielt wie in den Boomjahren 1999 und 2000 in drei Monaten. In Europa ist das Geschäft um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen. Es wird mit harten Bandagen gekämpft. Teilweise bieten Banken ihre Dienste sogar zum Nulltarif an, um "in den Rennlisten" der größten M & A-Banken in der Spitzengruppe zu landen und damit eine bessere Ausgangsposition im Wettbewerb um Mandate zu erhalten. Zwar wird die Aussagekraft der so genannten "League tables" angezweifelt. Gleichwohl richtet sich so manches Unternehmen nach ihnen. Der Grund: Die Auswahl einer der ersten Banken gilt als Versicherungspolice für die Vorstände, falls der angestrebte Deal platzen sollte.

Banker greifen in die Trickkiste

Welch seltsame Blüten der Kampf um einen Platz an der Sonne im Investmentbanking treibt, zeigt die Trickkiste, in die die Institute in Zeiten der Flaute verstärkt greifen. Um in den Hitlisten von Finanzinformationsdienstleistern wie Dealogic, Thomson Financial oder Mergermarket ganz oben zu erscheinen, fordern Institute teilweise von den Finanzchefs der Unternehmen Opfer. Sie wollen bei größeren Deals berücksichtigt werden und einen Teil des Geschäfts für sich anerkannt bekommen, obwohl sie direkt mit der Transaktion nichts zu tun hatten. So werden also Dealogic & Co. ungerechtfertigter Weise als einer der Berater genannt und profitieren davon in den Ranglisten. Die Vorstände der Gesellschaften zucken in solchen Fällen vielfach mit den Schultern. Für sie ist es entscheidend, weiterhin gute Kreditbeziehungen zu pflegen.

Die Kreditbeziehungen von Unternehmen und Banken sind inzwischen ohnehin in die Diskussion geraten. In den Boomzeiten der so genannten New Economy hatten Institute teilweise versucht, mit der freigiebigen Vergabe von Krediten Mandate im Investmentbanking an Land zu ziehen. Damit wollten gerade Spieler der zweiten Reihe den Wall-Street-Häusern und großen europäischen Banken Marktanteile im Investmentbanking abnehmen. Analysten nennen in diesem Zusammenhang immer wieder Commerzbank und Dresdner Bank, aber auch andere europäische Institute wie die spanische Großbank BSCH und die französischen Geldhäuser Société Générale und BNP sind davon betroffen. In der ersten Liga gilt dies auch für die Deutsche Bank. Doch nicht nur europäische Institute erlagen der Versuchung, das Investmentbanking mit dem Kreditgeschäft zu verknüpfen. Die US-Branchenriesen JP Morgan Chase und Citigroup haben ihre Finanzierungskraft im Kampf um Mandate für ihre Investmentbanken-Töchter sogar noch aggressiver eingesetzt.

Angesichts vieler Problemkredite und Belastungen in den Bilanzen der Institute ist diese Strategie inzwischen zumindest sehr umstritten. Die Argumente von "puristischen" Investmentbanken wie UBS Warburg oder Goldman Sachs und Merrill Lynch lautet: Nur diejenigen Unternehmen versuchten die Preise für die Dienstleistung im Investmentbanking etwa durch verknüpfte Kreditgeschäfte zu drücken, die Probleme hätten, die Provisionen zu bezahlen und mit ihrer Strategie günstig an einen Kredit herankommen wollten. Das seien aber zugleich potenziell gefährdete Gesellschaften.

Inzwischen hilft kaum noch ein Modell

Doch inzwischen helfen alle Modelle zur Akquistion von Kunden nichts mehr. Es gibt kaum mehr eine Investmentbank, die ihre Kapazität nicht Quartal für Quartal neu anpasst. Das gilt selbst für Goldman Sachs. Die Bank steht etwa im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen weltweit an der Spitze und rangiert auch in Europa unter den ersten fünf. Insgesamt werden in diesem Jahr weltweit Zehntausende entlassen. Und nicht nur hier spüren die Banker die Situation schmerzhaft am eigenen Leib. In dem in diesen Tagen tobenden Verteilungskampf darüber, welchen Bonus die Institute für 2002 an ihre einst so erfolgsverwöhnten Banker bezahlen, schaut so mancher in die Röhre. Nur noch die Besten können mit einer Ausschüttung rechnen. Aber selbst diese Stars müssen tiefen Einschnitte hinnehmen. Credit Suisse First Boston geht beispielsweise aus, dass die Boni 2002 um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr gekürzt werden. Und in 2001 hatten die Banker bereits einen Einschnitt um 27 Prozent hinnehmen müssen.

Die Hoffnungen auf eine Besserung sind und bleiben begrenzt. Im M & A-Geschäft drängen sich die Finanzinvestoren wie Apax und Cinven immer stärker in der Vordergrund. Zudem spielen Restrukturierungen eine immer wichtigere Rolle. Doch das reicht nicht, um wirklich voran zu kommen.

Bei Aktienplatzierungen sieht es noch schlechter aus. Hier geht schon lange nichts mehr. Lediglich in Not geratene Unternehmen wie die Versicherungen kommen nicht umhin, sich der Börse zu bedienen, um ihre Kapitalbasis zu stärken. Auch im Anleihebereich, der lange als Fels in der Brandung galt, brach das Geschäft im dritten Quartal dieses Jahres ein. Allerdings gibt es hier wenigstens Anzeichen für eine Besserung. Im Oktober zog das Volumen von Anleiheemissionen weltweit kräftig an. Nach Berechnungen von CSFB sind vor diesem Hintergrund die Provisionseinnahmen im Vergleich zum dritten Quartal um 25 Prozent gestiegen. Als Auslöser hierfür wird die jüngste Zinssenkung in den USA um 0,50 Prozentpunkte sowie die erwarteten geldpolitischen Lockerungen in Europa genannt. Zumindest im Anleihebereich glimmt also die Hoffnung, dass wenigstens hier die Talsohle erreicht ist.

Quelle: Handelsblatt

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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