Köpfe hinter den Deals: Hans-Jörg Rudloff von Barclays Capital zählt zu den schillerndsten Figuren des Kapitalmarktes
Vater des Eurobond-Marktes bleibt sich treu

Eindeutig: Das Herz von "Mr. Eurobond" Hans-Jörg Rudloff schlägt für Anleihen. Und der Erfolg gibt ihm recht. Als eine Art Wanderprediger hat Rudloff dem Eurobond-Markt in den Gründungstagen auf die Beine geholfen; als Kopf von Barclays Capital führt er nun seine Bank Schritt für Schritt an die Spitze in den europäischen Anleihe-Ranglisten.

LONDON. Wer sich mit Hans-Jörg Rudloff unterhält, sollte Zeit haben. Der 62-jährige Executive Chairman von Barclays Capital hat viel zu erzählen. So viel, dass er nach einem längeren Gespräch im Londoner Bankenviertel Canary Wharf eine Warnung seiner Assistentin, sein Flugzeug hebe in 55 Minuten ab, mit einem überraschten "Schon?" quittiert - und die nächste Viertelstunde weiter redet.

Mit den Füßen auf dem Tisch philosophiert er dann über den Zustand Deutschlands ("es wundert mich, dass es überhaupt noch Selbstständige gibt"), die geistige Überforderung von Investmentbankern in der Boomphase und seine eigene Zukunft ("ich gehe nicht zu Credit Suisse zurück"). Teils spricht er deutsch, teils englisch und manchmal wechselt er mitten im Satz die Sprache.

Ein Paradiesvogel? Sicher. Ein Dampfplauderer? Wohl kaum. Was Rudloff macht und sagt hat Substanz. In der Branche wird der gebürtige Kölner fast ehrfürchtig "Mr. Eurobond" genannt, weil er diesen Anleihe-Markt eigentlich erst ins Leben rief. Nach dem Wechsel von Kidder Peabody zu Credit Suisse First Boston erkannte er das Potenzial des Anleihe-Marktes, der damals noch als kleiner Offshore-Bereich ein Mauerblümchen-Dasein führte. Wieder und wieder warb er für diese Art der Refinanzierung - er selbst bezeichnet sich im Rückblick als "Wanderprediger". Seine Weitsicht hatte Erfolg. Der Eurobond-Markt, der 1980 Anleihen im Wert von 12 Mrd. Dollar auflegte, explodierte in den folgenden Jahren. 1990 lag das Volumen bei 350 Mrd. $, bis heute hat es sich noch einmal verdreifacht. Rudloffs CSFB dominierte weitgehend die Ranglisten und führte Innovationen wie die zinsvariable Schuldverschreibung (Floating Rate Note) ein. 1989 wurde Rudloff CEO der CSFB. 1995 versuchte er, mit MC Securities ein eigenes Aktienhaus aufzubauen - mit bedingtem Erfolg. Seit 1998 ist der Vater zweier Kinder Executive Chairman bei Barclays Capital, der Investmentbank der britischen Großbank Barclays.

Seit dieser Zeit steigt sein Arbeitgeber erneut unaufhaltsam in den europäischen Eurobond-Ranglisten, von Rang 12 (1999) auf Platz 5 (2001) und Position 2 im laufenden Jahr nach Angaben von Bloomberg. Barclays Capital ist die größte ausländische Bank für Unternehmensanleihen in Deutschland (Platz 3 insgesamt), auch bei den Pfandbriefen nimmt Rudloff die Spitzenposition unter den Ausländern für sich in Anspruch. Das Team um ihn und Bob Diamond, den Chief Executive und wie er früherer CSFB-Manager wird trotz der Krise im Investmentbanking laufend auf- statt abgebaut. In diesem Jahr dürften rund 250 neue Banker dazu gekommen sein, im nächsten werden es ein paar weniger. Insgesamt arbeiten fast 6000 Mitarbeiter weltweit bei Barclays Capital. Im ersten Halbjahr 2002 lag das Betriebsergebnis bei 370 Mill. Pfund oder gut 20 % des Mutterkonzerns. "Barclays Capital ist seit Jahren ein wesentlicher Faktor des Barclays-Wachstums", urteilt Sarah Horder, Analystin bei Teather & Greenwood - auch wenn der Boom inmitten eines florierenden Anleihemarktes zu Stande kam.

Für Rudloff hat der Erfolg einfache Grundsätze: Für ein gutes Investmentbanking-Geschäft kommt es nicht auf Masse und Kapital an, sondern auf das Fundament und funktionierende Mechanismen: "Wenn ein Acht-Zylinder-Motor nicht abgestimmt ist, bringt er nicht seine normale Leistung." Auf das Geschäft bezogen heißt das: Trennung zwischen Produkt- und Marketing-Mitarbeitern, kurze Kommunikationswege und Arbeit vor Ort im Sinne des Kunden und nicht im Banne der Boni. Als wichtigstes Asset bezeichnet er die Erfahrung seines Teams: "Wir haben wesentlich mehr Senior-Banker im Kundengeschäft als andere Institute." Das honorierten die Kunden in Zeiten der Unsicherheit. Vermutlich gehört zur Motivation der Mitarbeiter auch die Vorbild-Funktion. Rudloff selbst arbeitet bis zu 14 Stunden täglich und geht auch heute noch zu Kunden. Sein Büro in London ist neben dem Handelsflur, nur getrennt durch eine dünne Glasscheibe.

Barclays Capital verkaufte 1997 sein Corporate Finance- und Aktiengeschäft an CSFB, um sich auf die Kredit- und Währungsmärkte zu konzentrieren. Zwar mag das im Nachhinein wie ein genialer Schritt aussehen - dennoch wird die Bank seit dieser Zeit gefragt, ob sie sich nicht bald wieder ein Aktiengeschäft dazu kaufen will. Die dahinter steckende Theorie - Kunden die Anleihen begeben, bevorzugen Investmentbanken, die Aktien- oder Übernahmegeschäfte gleich mit abwickeln können - lehnen allerdings auch Analysten mittlerweile ab: Sarah Horder: "Die Kunden wollen keinen One-Stop-Shop." Spätestens mit der Emission des 900 Mill. $-Convertible-Anleihe des angeschlagenen Maschinenbauers ABB als einer von drei Lead Managers hat Barclays zudem auch vor einem großen Publikum bewiesen, dass es mit an Aktien angelehnten Produkten umgehen kann. Doch anders als Barclays-Vorstände will Rudloff das Aktien-Geschäft nicht ausschließen: "Wenn Barclays ein Institut kaufen würde, das auch ein gutes Aktien-Business hat, dann würden wir es sicher nicht schließen."

Für die nähere Zukunft sieht Rudloff große Probleme auf die Industrie in Europa zukommen. Das Jahresende ist traditionell die Zeit der Abschreibungen: "Diejenigen, die sich reich gerechnet haben, werden dann sehen, dass ihre Reserven schon verbraucht sind." Er glaubt deshalb nicht, dass die Rückstellungen für zweifelhafte Kredite bei den Banken schon die höchsten Niveaus erreicht haben. Für Barclays selbst ist er dagegen zuversichtlich. Für die Zukunft hat der interessierte Hobby-Historiker, der einst seinen Chef bei CSFB für wohltätige Zwecke durch London reiten lassen wollte, einen Wunsch: Dass Barclays zu den wichtigsten drei Finanzierungsbanken in der Euro-Zone gehört.

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