Körpereigene Immunabwehr gegen Tumore
Neue Impfstoffe sollen Krebs bekämpfen

Die Immuntherapie zur Bekämpfung von Krebs steht kurz vor ihrem Eintritt in die breitere medizinische Anwendung. In wenigen Jahren schon könnte es für die häufigsten Krebsarten Standardtherapien geben, die die Heilungsaussichten dramatisch verbessern.

HB FRANKFURT/M. Im Kampf gegen Krebs bahnt sich dank verbesserter Technologien ein neues Zeitalter an. Gut zwei Jahrzehnte, nachdem die ersten Versuche zur Immuntherapie von Tumorerkrankungen gestartet wurden, rechnen Forscher damit, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse bald die Breitenmedizin erobern werden. "Für die Behandlung der häufigsten Krebsarten werden in den nächsten fünf Jahren Standardtherapien entstehen", ist Jan Buer, Immunologe an der Braunschweiger Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF), überzeugt.

Bereits heute kommt die Diagnose Krebs nicht mehr unbedingt einem Todesurteil gleich. Für jeden zweiten der rund 350 000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland an Krebs erkranken, erfüllt sich nach Angaben der Deutschen Krebshilfe die Hoffnung auf Heilung. Doch der Genesung voran gehen meist Chemo- oder Strahlentherapien, die den Patienten physisch und psychisch nicht selten an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit bringen.

Therapeutische Tumorimpfstoffe könnten dem Patienten diese Nebenwirkungen künftig ersparen und gleichzeitig die Heilungschancen dramatisch verbessern. Das Prinzip ist vergleichbar mit einer herkömmlichen Impfung gegen Masern oder andere Infektionskrankheiten: Das körpereigene Abwehrsystem wird für die Eindringlinge, hier die entarteten Tumorzellen, sensibilisiert.

"Hinter jeder Krebserkrankung steht ein Wettkampf zwischen den entarteten Zellen und dem Immunsystem des Patienten", erläutert GBF-Forscher Buer. Ziel der neuen Therapie sei es, das Immunsystem mit Hilfe der Gentechnik so zu optimieren, dass es von den Tumorzellen nicht zerstört werden kann.

Neben Arbeitsgruppen im öffentlichen Bereich forschen auch Biotechnologiefirmen wie Genzyme (USA), Immuno-Designed Molecules (Frankreich) und Oxford Biomedica (Großbritannien) auf diesem Gebiet. Die Risiken neuer Therapien, insbesondere wenn - wie in diesem Fall - gentechnische Veränderungen vorgenommen werden, sind aber nur schwer vorauszusagen. Deshalb nehmen an den Studien zur Immuntherapie meist Tumorpatienten im Endstadium teil. Sie fürchten die Risiken weniger, weil für sie mit herkömmlichen Methoden ohnehin keine Heilungschance besteht.

Viele Immunologen gehen jedoch davon aus, dass gerade bei diesen Patienten auch die Tumorimpfung zu spät kommt, weil ihr Immunsystem durch den Kampf gegen die Krankheit stark geschwächt ist. Patienten im Anfangsstadium hätten vermutlich deutlich bessere Heilungschancen.

Ein guter Zeitpunkt für die immuntherapeutische Behandlung eines Patienten, bei dem etwa ein Melanom (Schwarzer Hautkrebs) festgestellt wurde, wäre Buer zufolge direkt nach der operativen Entfernung des Tumors. Oftmals haben sich dann bereits Mikro-Metastasen gebildet, mit denen das mobilisierte Immunsystem zu diesem Zeitpunkt noch fertig werden kann.

Um das Immunsystem für den Kampf gegen den Tumor fit zu machen, werden dem Blut des Patienten bestimmte Zellen entnommen. Dabei handelt es sich um so genannte dendritische Zellen, die meist in der Haut und in den Schleimhäuten sitzen und Krankheitserreger aufspüren. Diese Zellenart hat eine Übersetzerfunktion: Sie zerlegt Eindringlinge in molekulare Bruchstücke, so genannte Antigene, die auch für andere Immunzellen lesbar sind. Bildlich gesprochen fertigen sie also eine Art molekulares Phantombild an, anhand dessen die so genannten Killerzellen des Immunsystems aktiv werden können.

Bei der Immuntherapie werden die dendritischen Zellen mit Hilfe eines biotechnologischen Verfahrens mit den Antigenen der Tumorzellen beladen und wieder ins Immunsystem des Patienten geschickt. Auf diese Weise will auch Jacques Banchereau vom Bayler Institute for Immunology Research in Texas das Immunsystem für die Krebsbekämpfung fit machen. Voraussetzung für eine breite Anwendung sei jedoch, dass die Antigene der Krebsart identifiziert sind, betont er in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Spektrum der Wissenschaft".

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