Kollaps in Turin
Fiat erlebte das schwerste Jahr seiner Geschichte

Der italienische Traditions-Autobauer Fiat hat 2002 eines der schwersten Jahre seiner über 100-jährigen Geschichte erlebt. Insgesamt vier Top-Manager aus der Fiat-Führungsspitze legten in den vergangenen zwölf Monaten ihr Amt nieder, Gerüchte über einen vorgezogenen Verkauf der Autosparte an den US-Riesen General Motors kamen auf und wurden gleich wieder dementiert.

HB/dpa ROM. Trotz aller Anstrengungen wie einer erneuten Milliarden-Kapitalerhöhung und Produktionskürzungen machte jede neue Bilanz die Stimmung nur noch düsterer. Am Ende entschied sich der Konzern für massive Stellenkürzungen - und brachte damit einen der größten Arbeitnehmerproteste in Italien in den vergangenen Jahren in Gang.

Es war der 14. Mai, ein Frühlingstag in Turin, als den Italienern die ganze Dramatik der Lage bewusst wurde. "Der Tag der Wahrheit", hieß es in vielen italienischen Medien. Bei der Hauptversammlung der Fiat-Gesellschafter kamen Zahlen an den Tag, die deutlicher nicht hätten sprechen können.

Dass die Autosparte des Unternehmens bereits im Vorjahr drastische Verkaufsrückgänge erlitten hatte, schlug sich erstmals deutlich in der Bilanz nieder: Einem Nettogewinn von 193 Millionen Euro im ersten Quartal 2001 stand jetzt ein Verlust von 529 Millionen Euro gegenüber - ganz zu schweigen von der Nettoverschuldung, die sich mittlerweile auf 6,6 Milliarden Euro angehäuft hatte. "Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren", brachte es nur wenige Wochen später Fiat-Auto-Chef Giancarlo Boschetti auf den Punkt.

Die Krise ist nicht plötzlich über den Konzern hereingebrochen, und sie ist auch nicht nur auf die Probleme auf dem internationalen Automarkt zurückzuführen. Experten sind überzeugt davon, dass der Abstieg, der 2002 in einen regelrechten "Crash" ausartete, bereits 1990 begonnen hat.

Ende der 80er Jahre hatte Fiat die besten Umsatzzahlen aller Zeiten vorgelegt und erlebte europaweit einen enormen Boom. Und dies vor allem dank Vittorio Ghidella, dem damaligen Fiat-Auto-Chef. Der begabte Konstrukteur ging später als "Papa des Fiat Uno" in die italienische Automobilgeschichte ein. Seit er 1990 auf Wunsch von Cesare Romiti, Chef der Fiat-Finanzholdings, den Konzern verließ, ging es mit der Autosparte bergab. Fortan investierte Fiat mehr in seine anderen Aktivitäten, wie Versicherungen und Medienbereich - wofür das Unternehmen schon bald teuer bezahlen musste.

Mit dem Kollaps im Jahr 2002 zerbröckelte auch die Führungsspitze. Bereits im Dezember 2001 war Giancarlo Boschetti zum neuen Chef der Fiat-Autosparte bestimmt worden. Im Juni kam Finanzexperte Gabriele Galateri als neuer Vorstandschef für Autofreak Paolo Cantarella. Ein Wechsel, der von vielen als Schritt in Richtung Konzern-Sanierung gewertet wurde - jedoch wiederum auf Kosten der Autosparte. Als dann Mitte September Ferruccio Luppi auch noch als neuer Finanzchef eingesetzt wurde, sprachen Kommentatoren von "einem weiteren Manöver, das den wirtschaftlichen Aspekt und die Gläubigerbanken in den Vordergrund stellt".

Anfang Oktober legte das Unternehmen schließlich einen neuen Sanierungsplan vor. Vor allem eine drastische Produktionsdrosselung könnte das Schiff wieder auf Kurs bringen, dachte sich die Führungsspitze. "Wir können schließlich nicht immer weiter Autos produzieren, die nicht verkauft werden", hieß es. Auch sollte mit diesem Plan der US-Partner General Motors beruhigt werden, der seit gut zwei Jahren 20 Prozent an Fiat Auto hält - und auf Wunsch von Fiat ab 2004 auch die restlichen 80 Prozent übernehmen kann. Der Detroiter Riese wurde langsam mürrisch, Initiativen seitens Fiat waren gefragt.

Konkret sieht der Plan drastische Stellenkürzungen und zudem Milliarden-Investitionen in neue Modelle vor. Damit waren jedoch weder die Gewerkschaften noch die Beschäftigten einverstanden. Als dann immer mehr Arbeiter mit Aufsehen erregenden Protestaktionen, Blockaden und Streiks ihre Wut bekundeten und Fiat zudem trotz aller Unterstützung der Banken und der Regierung nicht aus der Krise kam, packte auch Vorstandschef Galateri nach nur fünf Monaten wieder seine Koffer. Für ihn kam Mitte Dezember Fiat-Veteran Alessandro Barberis, der bisherige Generaldirektor.

Gemeinsam mit Präsident Paolo Fresco will er den Sanierungsplan in die Tat umsetzen. Und die Hoffnung für eine Zukunft der Fiat - Autosparte scheint trotz aller Rückschläge noch nicht erloschen. So erklärte Fresco jetzt anlässlich eines vorweihnachtlichen Treffens mit den Beschäftigten: "Die Wahrheit ist, dass unsere Situation nicht so dramatisch ist, wie sie überall dargestellt wird."

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