Kolumne: Die fünf Weisen
Der Zuhörer zählt, nicht das Manuskript

Das glaubwürdige Auftreten und die gelungene persönliche Ansprache eines Redners entscheiden, ob die Zuhörer das Gesagte nur hören, es auch verstehen oder sogar verinnerlichen.

Der Vorstandsvorsitzende erhebt sich, knöpft sein Jackett zu, schreitet zum Rednerpult. Im Saal sitzen 400 Führungskräfte. Von der Powerpoint-Wand blinkt der Titel seiner Rede. Er beginnt zu sprechen. "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kollegen ..."

In diesem Moment: Was passiert in den Köpfen der Zuhörer? Was spielt sich da ab? Wer oder was entscheidet, dass er seine Zuhörer erreicht? Wovon ist es abhängig, dass seine Worte nicht nur gesagt, sondern auch gehört, ja verstanden, vielleicht sogar wirksam werden?

In solchen Momenten stellen sich die Anwesenden unbewusst zwei Fragen: Ist er glaubwürdig? und: Meint er mich? Wie gesagt: unbewusst. Kaum jemand stellt diese Fragen explizit, und doch bleiben sie während des ganzen Vortrags vital. Sie entscheiden, ob die Zuhörer anders den Saal verlassen als sie ihn betraten. Betrachten wir sie näher.

  1. Ist er glaubwürdig? Glaubwürdigkeit meint zunächst die äußere Harmonie: Das Sagen muss dem Handeln entsprechen. Es gibt Redner, die sind das personifizierte Dementi des Vorgetragenen. Erhöhung der Managergehälter und kleinliche interne Bewilligungspraxis passen nun einmal nicht zusammen. Ein Manager, der von Vertrauenskultur spricht und gleichzeitig jedes Gestaltungsproblem mit einer Richtlinie erschlägt, ist ein Lachsack. Unglaubwürdig ist der Redner auch, wenn er zu eingerasteten Wortkombinationen wie "volles Verständnis", leer gedroschenen Bildern wie "Spitze des Eisbergs" und anglisierten Wortmonstern aus der Beratersprache greift. Also: Spricht er wirklich von sich? Ist er authentisch? Diese Form der Glaubwürdigkeit ist indifferent gegen den Inhalt. Es geht nicht um richtige oder falsche Werte, nicht um Wahrheit. Aber um Wahrhaftigkeit. Um Konsistenz. Das Gesagte muss dem Zuhörer nicht gefallen. Aber es muss ernst gemeint sein und ernst nehmen. Wie sehr wünsche ich mir Führungskräfte, die ohne Umschweife sagen, worum es geht. In einfachen, offenen Worten. Selbst wenn sie sich mal verhaspeln. Mitarbeiter und Kollegen spüren, ob das, was da kunstvoll vorgetragen wird, ohne doppelten Boden ist, ob es Substanz und Gültigkeit über die Weihestunde hinaus hat. Was viele verkennen: Perfektion schafft Aggression.

  2. "Meint er mich?" Da ist zunächst das Formale: Spricht er über ein Thema, oder spricht er zu mir? Sokrates nahm seine zu Stichwortgebern degradierten Gesprächspartner nie ernst. Das Prinzip ging ihm immer über die Menschen. Die athenische Bürgerschaft ließ ihn den Giftbecher trinken. Auch der Sprachstil ist zu beachten: Die Wortwahl muss adressatenbezogen sein, will sie nicht den Zuhörer abhängen. Spricht der Redner zu einem Kollektiv-Singular, zum Personal, zur Belegschaft, oder meint er mich als Individuum. Spüre ich, dass er mich erreichen will, dass ihm etwas daran liegt, mich persönlich zu bewegen? Oder ist es erkennbar, dass er nur selbst eine gute Figur machen will? Zuhörer müssen spüren, dass der Sprecher ihr Interesse im Auge hat. Nicht nur die Interessen des Sprechers oder anonymer Anteilseigner. Redet er über "wir", meint aber sich? Und wenn es um die Zukunft geht - geht es um die gemeinsame Zukunft? Die Zuhörer spüren auch: Ist er offen für meinen Einwand, für meine Perspektive? Oder möchte er seine Überzeugung am liebsten zum allgemeinen Handlungsstandard aufblähen - selbst um den Preis, mich zu zwingen? Wer keine Frage offen lässt, hat jedes Gespräch erschlagen.

Zwei Fragen. Nur wenn beide mit Ja beantwortet werden, konvertiert der Anwesende zum Zuhörer. Sonst sitzt er nur die Zeit bis zur Pause ab. Und baut Aggressionen auf. Ist das Reden lehrbar? Kaum. Es ist wie bei der Führung: Man kann eher sagen, dass sie lernbar ist. Am meisten durch Übung. Aber das nur, wenn einem die Menschen wichtiger sind als das Manuskript.

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