Kolumne: Die fünf Weisen
Die lähmende Angst vor dem Fehler

Das Beraterunwesen greift in der Wirtschaft immer mehr um sich. Woran liegt das? Viele Manager suchen nach einer zusätzlichen Sicherung – aus Angst davor, wegen einer Fehlentscheidung persönlich in Anspruch genommen zu werden. Die Konsequenz sind nicht nur hohe Beratungskosten.

Nicht nur bei der Bundesagentur für Arbeit, sondern auch in der Privatwirtschaft greift das Beraterunwesen um sich. Woran liegt das? Viele Manager suchen nach einer zusätzlichen Sicherung - aus Angst davor, wegen einer Fehlentscheidung persönlich in Anspruch genommen zu werden. Die Konsequenz sind nicht nur hohe Beratungskosten. Viel ärgerlicher ist, dass wichtige Entscheidungen dadurch hinausgezögert werden. Noch schlimmer: Die eine oder andere sinnvolle unternehmerische Maßnahme unterbleibt ganz - nur aus Furcht vor Regressforderungen.

Die Ursache für zögerliches und ärgerliches Verhalten von Managern liegt zum einen in ihrem Charakter, zum anderen in Gesetzgebung und Rechtsprechung. Danach genießen nur Manager unterhalb der Geschäftsführungsebene eine privilegierte Arbeitnehmerhaftung, die sie oft vor persönlicher Inanspruchnahme schützt. Bei leichter Fahrlässigkeit von Arbeitnehmern trägt der Arbeitgeber den gesamten Schaden. Bei mittlerer Fahrlässigkeit ist der Schaden unter Berücksichtigung aller Umstände quotal zu verteilen, wobei die Gerichte für Arbeitssachen peinlich darauf achten, dass dem Arbeitnehmer genügend Luft zu Atmen bleibt, also ihn der Schadenersatzanspruch nicht in den Ruin treibt. Nur bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit muss der Arbeitnehmer eine Inanspruchnahme durch seine Firma befürchten. Furcht vor Schadenersatzansprüchen ist im Kreis der Arbeitnehmer-Manager völlig übertrieben.

Ungleich schärfer ist die Haftung aber für Top-Manager der ersten Ebene. Vorstände und Geschäftsführer "haben in den Angelegenheiten der Gesellschaft die Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsmannes/ Geschäftsleiters anzuwenden". Verletzen sie auch nur fahrlässig diese Pflicht, haften sie gegenüber den Gesellschaftern unbegrenzt. Stellt sich ein mutiges Investment im Nachhinein als allzu mutig heraus, kann das zum Fiasko werden. Dabei verkennen die Gerichte nicht, dass bei der Frage, ob der Manager schuldhaft gehandelt hat, immer auf den Zeitpunkt der Entscheidung abzustellen ist. Nachträgliche bessere Erkenntnisse reichen also in der Regel nicht aus, einen Schadenersatzanspruch zu begründen. Das Schlimme aber ist, dass die Grenzen so fließend sind, dass sich in vielen Fälle nicht voraussagen lässt, ob ein bestimmtes Managementhandeln von den Gerichten später als positiv-mutig oder als schuldhaft- zu-mutig beurteilt werden wird. Genau dies verursacht den negativen Bumerang-Effekt: Der Top-Manager versucht, sich nach allen Seiten zu sichern.

Wie kann dem vorgebeugt werden? Denkbar sind zum einen sündhaft teure Versicherungen. Zum anderen sollten jedenfalls GmbH-Gesellschafter darüber nachdenken, ob sie ihren Geschäftsführern nicht die Haftung für leichte und mittlere Fahrlässigkeit in der Satzung oder im Anstellungsvertrag erlassen. Dabei bewegen sie sich zwischen Skylla und Charybdis: Wird die Haftung eingeschränkt, begeben sie sich der Möglichkeit, den Geschäftsführer in der Masse der schuldhaften Pflichtverletzungen in Regress zu nehmen, andererseits wird die Geschäftsführung jedoch ermuntert, das zu tun, für was sie angestellt ist: Nämlich Entscheidungen zu treffen. Leider funktioniert die Möglichkeit der im Voraus vereinbarten Haftungsbegrenzung nicht bei Vorstandsmitgliedern von Aktiengesellschaften. Eine AG kann nämlich - so das Aktiengesetz - auf ihre Ersatzansprüche erst drei Jahre nach der Entstehung der Ansprüche verzichten und dies auch nur, wenn die Hauptversammlung zustimmt und nicht eine Minderheit von mindestens 10 Prozent des Grundkapitals zu Protokoll widerspricht. Diese Vorschrift geht viel zu weit. Der Gesetzgeber sollte sie dringend begrenzen auf grob fahrlässig oder sogar vorsätzlich verursachte Ersatzansprüche.

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