Kolumne: Die fünf Weisen
Lieber Chef, gestatten Sie...

...ich bin einer Ihrer loyalen, im Augenblick etwas demotivierten Mitarbeiter. Sie haben zwar schon flammende Reden gehalten. Sie haben mit Lob nicht gegeizt, Schultern geklopft, mir gut zugeredet. Aber irgendwie scheint das alles nicht zu funktionieren.

...ich bin einer Ihrer loyalen, im Augenblick etwas demotivierten Mitarbeiter. Sie haben zwar schon flammende Reden gehalten. Sie haben mit Incentives um sich geworfen. Sie haben mit Lob und Anerkennung nicht gegeizt, Schultern geklopft, mir gut zugeredet. Aber irgendwie scheint das alles nicht zu funktionieren.

Ich will aufrichtig sein: Das Geld nehme ich gerne. Aber glauben Sie mir, meine Motivation hatte niemals und hat auch heute nichts mit Geld zu tun. Nein, ich will Ihnen sagen, was wirklich zählt. Es würde völlig ausreichen, wenn Sie aufhörten, mich zu demotivieren.

Ihnen ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, wie Sie das täglich schaffen, oder? Ich würde Ihnen gerne einen Hinweis geben: Stellen Sie sich bitte für einen kurzen Augenblick vor, ich sitze sonntagabends in meinem Wohnzimmer - und denke an Montagmorgen. Ich denke an meine Aufgabe, an meine Kollegen, an Sie: Freue ich mich wohl, Sie wiederzusehen? Finde ich es toll, mit Ihnen zusammenarbeiten zu können? Oder habe ich wohl Fluchtreflexe? Möchte ich Ihnen lieber nicht begegnen?

Das Gefühl, das dann entsteht, das ist meine Motivation. Fragen Sie sich selbst: Macht es mir wohl Spaß, mit Ihnen zusammenzuarbeiten? Ist es Lebensqualität, mit Ihnen einen großen Teil meiner Lebenszeit zu verbringen? Gehen Sie bitte noch einen Schritt weiter: Warum sollte ich mir wünschen, von Ihnen geführt zu werden?

Das meine ich wirklich ernst: Fragen Sie nach! Konzentrieren Sie sich auf das, was meine Motivation täglich behindert. Es sind die vielen kleinen verbalen und nonverbalen Gesten des Nichtbeachtens, Überhörens und leise Geringschätzens, die mich niederdrücken. Zum Beispiel Ihre einsamen Entscheidungen auf dem Feldherrnhügel. Ihre oft unangemessene, lautstarke und auf persönliche Eigenschaften bezogene Kritik. Auch Informationen geben Sie häufig nur verspätet oder sehr zögerlich weiter.

Ich hätte einen konstruktiven Vorschlag: Ziehen Sie sich zweimal im Jahr mit Ihren Mitarbeitern und einem Moderator an einen ruhigen Ort zurück, und sprechen Sie einen Tag lang über die Beziehungen im Team. Fragen Sie: Wie gehen wir täglich miteinander um? Wie ist unsere Gesprächskultur? Gibt es etwas, was ich mir von Ihnen wünsche, aber in der operationalen Alltagshektik immer wieder verschiebe? Gibt es etwas in meinem Verhalten, was Sie - vielleicht täglich - herunterzieht? Ich habe mich schon immer gefragt, wieso Führungskräfte so wenig fragen - ich meine nicht diese schwachsinnigen Mitarbeiterbefragungen, sondern ein offenes Gespräch zwischen Erwachsenen.

Was ich mir im Grunde wünsche: dass Sie mich anders anschauen. Mich nicht nur als Produktivfaktor betrachten, sondern als Individuum. Nicht nur als Mittel zum Zweck. Ich wünsche mir, dass Sie auf meine individuellen Bedürfnisse, Gefühle und Probleme eingehen. Dass Sie nicht nur mich an Ihre Erwartungen anpassen wollen, sondern auch meine Erwartungen ernst nehmen - also die Aufgabe ein wenig um meine Talente und Neigungen herumbauen. Und bemühen Sie sich um ein Vertrauensklima: Wenn Sie mit mir zusammenarbeiten, dann sollten Sie mir vertrauen. Wenn Sie mir aber nicht vertrauen wollen, dann sollten wir besser nicht zusammen arbeiten.

Ein klares Wort hierzu würde ich sehr begrüßen, selbst wenn es mir nicht gefällt. Aber die ganzen Fluchtverhinderungssysteme - egal ob Zeiterfassung oder das neulich eingeführte Reporting-System -, die sind erniedrigend und demotivierend. Und einen letzten Wunsch habe ich noch: Lachen Sie mehr. Das würde mir helfen, so manch schwierige Situation zu überstehen.

Glauben Sie mir, ich will wirklich etwas leisten, etwas schaffen, es wäre doch auch sonst einfach langweilig. Es wäre toll, wenn Sie mich das auch tun ließen.

Ihr Mitarbeiter

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