Kolumne: Die fünf Weisen
Raffgier und Moral

Verglichen mit den Einkommen von Vorstandschefs anderer Länder verdienen deutsche Manager eher wenig. Nimmt man hingegen die Ertragssituation zum Maßstab, müssen viele als überbezahlt gelten.

"Wir stehen im globalen Wettbewerb um Top-Leute!" Dieses Argument beherrscht die Diskussion um die Top-Management-Gehälter. So genehmigte Josef Ackermann die Zahlung von 130 Millionen Euro an die ehemaligen Vorstandsmitglieder der Mannesmann AG mit der Bemerkung, wenn in Deutschland keine wettbewerbsfähigen Gehälter gezahlt würden, werde die Crème der Unternehmensführer ins Ausland flüchten.

Ja, wenn sie denn nur gerufen würden! Werden sie aber nicht. Es gibt wahrscheinlich nicht einmal fünf Topmanager, die in den letzten zehn Jahren in die USA gegangen sind. Ich persönlich kenne kein einziges Unternehmen, in dem ein deutscher Vorstand von einem amerikanischen Unternehmen abgeworben wurde.

Richtig: Verglichen mit den Einkommen von Vorstandschefs anderer Länder verdienen deutsche Manager eher wenig. Nimmt man hingegen die Ertragssituation zum Maßstab, müssen viele als überbezahlt gelten. Nicht nur die Manager, jeder Mitarbeiter! Angesichts der Wirtschaftsflaute verdienen alle zuviel. Der Vergleich mit den Einkommen amerikanischer Manager trägt nicht, weil sich deren Gesamteinkommen 2002 faktisch halbiert haben. Amerikanische Spitzenmanager verdienen zwar immer noch das Mehrfache eines deutschen Kollegen, sie managen aber auch einen durchschnittlich fünfmal höheren Börsenwert und entsprechende operative Erträge. Nehmen wir zuletzt noch den Betriebsgewinn als Hintergrund: US-Manager kosten im Schnitt nur etwa 0,8 Promille des Betriebsgewinns, der typische Vorstand eines Dax-30-Unternehmens aber 1,2 Promille.

Was also ist Raffgier, was ein angemessenes Gehalt? Wir können bei der Antwort nicht einfach Traditionskomplexe ignorieren. So ist auch die Frage nach der Angemessenheit von Gehältern herkunftssensibel. Dort artikuliert sich Geschichte, Tradition, sittliches Empfinden. In einem Wort: Legitimität. Mögen Barnevik, Ackermann und Gleichgesinnte noch so sehr formal im Recht sein, die Unternehmen verwechseln immer noch legal und legitim. Wer sich nur noch mit seinesgleichen vergleicht und mit Big Money verkehrt, verliert mit der Zeit den Bezug zur Realität außerhalb dieses Kreises.

Illegitimität kostet zunächst Image, dann Motivation, dann Geld. Es ist ein Irrtum zu glauben, Wirtschaft und Moral ließen sich entkoppeln. Irgendwann werden die Leute eine Wirtschaft hassen, die sich ihnen so mitteilt. Zu fragen ist also: Warum gewähren sich gerade jene Manager die üppigsten Gehälter und Aktienoptionsprogramme, denen keine Eigentümerfamilie als Großaktionäre auf die Finger guckt? Warum entscheidet in der Regel der Vorstand, wer ihn als Aufsichtsrat kontrollieren soll?

Wenn wir uns nicht mehr darauf verlassen können, dass der Kapitalismus die Kirche im Dorf lässt, sind wir in der Verantwortung, um Maß und Mitte zu streiten. Mache ich mich also angreifbar und nenne eingrenzende Kriterien: 10 Prozent vom Konzerngewinn müssen ausreichen für Vorstandsgehälter. Kein (angestellter!) Manager leistet so viel, dass er mehr als das 20fache eines seiner durchschnittlichen Angestellten-Einkommen verdient.

Firmen und Manager, die sich illegal verhalten und strafrechtlich verfolgt werden, sind nicht das Problem. Dafür gibt es die Justiz. Weitaus gefährlicher ist ein Verhalten, das zwar legal, aber illegitim ist. Es treibt einen Keil zwischen Management und Mitarbeiterschaft, zwischen Unternehmen und Nachbarschaften, zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Und korrumpiert uns als Menschen. Wirtschaft ist nicht nur der unkontrollierte Selbstlauf anonymer Systeme. Wirtschaft entspringt auch moralisch gewollter Handlung. Alles andere wäre Fatalismus oder ein Warten auf das "ganz Andere". Darauf verzichte ich gerne. Sie auch?

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