Kolumne: Die fünf Weisen
Staatliche Drogenszenen

Sorge für die rasche Behebung des Symptoms, nicht des Problems, denn nichts lenkt besser ab als eine schnelle Aktion an der falschen Stelle." An diese alte Management-Weisheit erinnerten sich kürzlich Arbeitgeberverband und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.

Sie wollen den Urteilen und Vorurteilen über den Öffentlichen Dienst - schwerfällig, bürgerfern, leistungsfeindlich - zu Leibe rücken. Und das mit dem Griff zur Brieftasche. Auch in Amtsstuben solle gelten: Leistung muss sich lohnen. Wer über das "normale" Pensum hinaus arbeite (was immer das sei), solle auch über das Tarif-Einkommen hinaus bezahlt werden. Das jedenfalls ist die Idee hinter dem "Prämien-Tarifvertrag", der jüngst in NRW unterzeichnet wurde. Doch bevor es losgeht, muss natürlich eine Arbeitsgruppe - Arbeitgeber und Personalvertretung - genaue Zielvorgaben festschreiben. Etwa so: "Statt Kinder in Heimen unterzubringen, sucht das Sozialamt jetzt verstärkt Pflegefamilien. Wenn wir das schaffen, haben wir eine Prämie vereinbart." Oder: "Im Sozialamt wird die Beratung so verbessert, dass im Vergleich zum Vorjahr 10 Prozent mehr Menschen aus der Sozialhilfe kommen." Oder: "Bei uns warten Bürger im Schnitt eine halbe Stunde; künftig sollen es 15 Minuten sein. Das wird mit Erfolgsprämien belohnt."

Was auf den ersten Blick leistungsfreundlich klingt, verschlägt einem auf den zweiten die Sprache. Kann es sein, dass die Staatsdiener die Bürger warten lassen, weil sie keine zusätzliche Prämien erhalten? Kann es sein, dass sie erst dann verstärkt Kinder in Pflegefamilien vermittelt, wenn ihnen die Möhre vor der Nase Beine macht? Wenn die Staatsdiener nach Einführung eines Prämienprogramms tatsächlich die Wartezeit halbieren, dann muss man sie doch feuern - und nicht auch noch belohnen.Durch Prämien soll mehr Bürgernähe eingeleitet werden? Dadurch wird allenfalls die Leistungsbemessungsgrenze so weit nach unten manipuliert, dass es für dieselbe Arbeit mehr Geld gibt. Durch Prämien wird ein "Umdenken" eingeleitet? Ja, zu mehr Belohungssucht, nach dem Motto: Ohne Extra-Cash läuft nichts mehr! Prämien sind Gift für die Zusammenarbeit, weil jedes administrative Funktionssilo nur noch auf seinen eigenen Vorteil schaut.

Warum wird nun dennoch diese uralte Zuckerbrot- und Peitsche-Psychologie herausgekramt? Jede Mutter und jeder Vater weiß, dass man mit "Tu dies, dann bekommst du das!" kurzfristige Strohfeuer-Motivationen erzeugt. Und sie wissen auch, dass schon bald die Spät- und Nebenwirkungen in den Vordergrund treten: Es gibt keine einzige Studie weltweit, die ein dauerhafte Leistungssteigerung durch Anreizsysteme nachgewiesen hätte. Dennoch bleiben Vorteile: Erstens, es gibt mehr Geld. Denn das Perfideste an diesem monetären Selbstpflegeprogramm ist die Behauptung der Einspar-Effekte. Seit Jahren ist die Information verfügbar, dass diese Systeme nicht sparen - sie kosten Geld. Die Entgeltsumme erhöht sich, weil sukzessiv die Leistungsbemessungsgrenze sinkt. In Unternehmen mag dieser Unfug ja hinzunehmen sein, aber im öffentlichen Dienst? Mit Steuergeldern? Was hier die öffentlichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer tun, ist Selbstbereicherung hinter der Maske der Bürger- und Leistungsfreundlichkeit.

Zweitens aber, und viel wichtiger, ist der Ablenkungseffekt. Der Staub, den dieser Denkschutt erzeugt, verschleiert die schlichte Tatsache, dass man den Kündigungsschutz nicht anfassen will. Das ist für Arbeitgeber und Nehmer praktisch. Wenn man Leistungsverweigerer nicht feuern kann, muss ich auch keine Schwachleistung konfrontieren. Aber ich kann wenigsten strafen, indem ich die Prämie vorenthalte. Das ändert zwar nichts, erzeugt aber ein Gefühl der Gerechtigkeit. Ein weiteres Man-hat-etwas-getan-Beispiel für kostentreibenden Unsinn. Deutschland in diesen Tagen: Handeln mit beschränkter Haftung. Das ist die Haftung der Beschränkten.

Nächste Woche: Jochen Kienbaum über Managergehälter.

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