Kolumne: Die fünf Weisen
Unsicherheit ist keine Schwäche

Gute Führungskräfte stehen zur eigenen Unsicherheit und wissen dieses Gefühl zu nutzen. Denn: Unsicherheit ist keine Schwäche. Im Gegenteil. Viele schwache Manager scheitern deshalb, weil sie sich zu sicher sind.

Eins ist sicher: Gute Führungskräfte stehen zur eigenen Unsicherheit und wissen dieses Gefühl zu nutzen. Ganz anders aber die landläufige Meinung: Viele Chefs definieren Unsicherheit als Schwäche, die sie öfter und lieber beim Gegner sehen als bei sich selbst. In Rhetorik-, Präsentations- und Medientrainings möchten sie deshalb Unsicherheiten wegtrainieren - oder zumindest Kniffe kennen lernen, wie man sie überspielt.

Das ist nicht nur ein unmögliches Unterfangen, sondern auch ein völlig absurdes. Unsicherheit ist keine Schwäche. Im Gegenteil: Viele schwache Manager scheitern deshalb, weil sie sich zu sicher sind. Zu sicher, um sich einzugestehen, wie wenig sie wirklich vorhersehen, planen und managen können. Kaum ist ein Projekt im Unternehmen abgeschlossen oder eine neue Organisationsstruktur etabliert, wird schon die nächste Änderung begonnen.

Wie können Führungskräfte in diesen chaotischen Zeiten kühlen Kopf bewahren und das nötige Maß an Sicherheit ausstrahlen, das signalisiert: Hier ist jemand, der hat das Ruder in der Hand und bestimmt den Kurs? "In einer Welt voller Unsicherheit muss man eine Menge Dinge ausprobieren. Man kann nur hoffen, dass einige davon funktionieren", bringt es Douglass North, der amerikanische Wirtschaftshistoriker und Nobelpreisträger auf den Punkt. Aus meiner Sicht fahren die Führungskräfte am besten, die sich nicht damit aufhalten, in so genannten Performance-Trainings an der Körpersprache zu feilen, um "sicher und gelassen" zu wirken. Besser kommen die zurecht, die versuchen, in Wesen und Wirken eins zu sein und Unsicherheit als Botschaft zu verstehen - an sich selbst ebenso wie an Mitarbeiter, Kunden und Vorgesetzte.

Es gibt keinen unmittelbaren Übergang von einer Sicherheit zur nächsten. Wer also weiterkommen will, nimmt Unsicherheit in Kauf. Das ist der erste Schritt. Aber Mut allein zeichnet vielleicht einen Hasardeur aus, macht aber noch keine Führungskraft: Erfolgreiche Führungskräfte wissen um die eigene Ungewissheit, treffen aus dieser Situation heraus Entscheidungen und kommunizieren nicht nur das Ergebnis ihrer Überlegung, sondern auch den Weg dorthin. Vorbei sind die Zeiten, in denen man sich hinter anonymen Arbeitsanweisungen, Hausmitteilungen und Aktenvermerken verstecken konnte. Heute wollen die Mitarbeiter nicht nur Entscheidungen hören, sondern wünschen sich direkte Kommunikation mit ihrem Vorgesetzten.

Deshalb müssen Führungskräfte Kommunikationsprofis im besten Sinne sein - und sich mit Kritik auseinander setzen. Spätestens an diesem Punkt wird klar, dass sich hinter "Kommunikationskompetenz" für Führungskräfte mehr verbirgt als Rhetorik und stilsicheres Deutsch. Und zwar das Selbstbewusstsein, Dialoge zuzulassen und sich selbst in Frage zu stellen. Und vor allem, die Sicherheit, mit Ungewissheiten umzugehen. Nur wer sich seiner eigenen Führungsstärke, seiner selbst bewusst ist, kann das Selbstbewusstsein gewinnen, auch den Mitarbeitern gegenüber Mut zur Lücke zu haben und Unsicherheiten zuzugeben.

Verstehen wir uns nicht falsch: Nach wie vor haben Zaghaftigkeit, Schwäche und Wankelmütigkeit im Charakterkanon einer guten Führungskraft nichts verloren. Aber die Fähigkeit, eigene Gefühle wie Unsicherheit erkennen, bestimmen und nutzen zu können, ist im 21. Jahrhundert das gewisse Etwas, das gute Führungskräfte von den mittelmäßigen bis schlechten unterscheidet. Also keine Rhetorikseminare mehr? Kein Interesse an Körpersprache und Kommunikationstrainings? Doch, durchaus. Aber mit dem Ziel, mit den Mitarbeitern direkt ins Gespräch zu kommen und Gefühle und Gedanken klar ausdrücken zu können - denn damit tun sich Manager immer noch sehr schwer. Und nicht mit dem Ziel, Unsicherheit perfekt überspielen zu können.

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