Kolumne: Die fünf Weisen
Viel Tamtam um Mediation

Unternehmen setzen bei der Bewältigung ihrer auch arbeitsrechtlichen Konflikte auf Verhandeln statt Streiten. Mediation an Stelle von Gerichtsverfahren, so das Credo, spart Zeit, Kosten und nicht zuletzt – Nerven. Doch tatsächlich ist die Wunderwaffe Mediation kein Allheilmittel für alle Arten von Konflikten. Und frei von Nebenwirkungen ist sie auch nicht.

"The trend is your friend" - nach diesem alten Börsianer-Motto setzen mehr und mehr Unternehmen bei der Bewältigung ihrer auch arbeitsrechtlichen Konflikte auf Verhandeln statt Streiten. Mediation an Stelle von Gerichtsverfahren, so das Credo, spart Zeit, Kosten und nicht zuletzt - Nerven. Doch tatsächlich ist die Wunderwaffe Mediation kein Allheilmittel für alle Arten von Konflikten. Und frei von Nebenwirkungen ist sie auch nicht.

Die Ausgangssituation: Die Gerichte stöhnen über Arbeitsüberlastung, die Prozessparteien über die entsprechende Dauer ihrer Verfahren sowie deren Kosten. Da ist die vermeintliche Lösung in Gestalt der Mediation verlockend. Verspricht sie doch schnelle, relativ preiswerte Hilfe und einvernehmliche Ergebnisse - also an Stelle des klassischen Gewinner-Verlierer-Schemas im Gerichtsverfahren eine echte Win-Win-Situation. Diese vermeintlichen Vorteile haben der Mediation zu großer Popularität verholfen. Mediation, zu Recht ein Trend der Zeit?

Die Idee der Mediation ist simpel: Beide Seiten setzen sich an einen Tisch und reden über das zwischen ihnen bestehende Problem. Den Unterschied zu einem normalen Gespräch soll der Mediator ausmachen. Dieser soll die Bedürfnisse und Ängste, Befindlichkeiten und Eitelkeiten der Beteiligten analysieren und kanalisieren. Er soll moderieren, zusammenfassen und Denkanstöße provozieren. Dabei sollen nur die Beteiligten die Vorschläge einbringen, verwerfen und sich schließlich einigen. Der Mediator kann den Beteiligten kein Ergebnis aufzwingen. Insoweit unterscheidet sich die Mediation von Gerichts- und privaten Schiedsverfahren, bei denen in der Praxis allerdings ebenfalls schon seit jeher das Ziel einer Einigung der Beteiligten im Vordergrund steht. Wenn die Konfliktparteien gemeinsam auf diese idealtypische Weise eine Lösung erarbeiten, besteht in der Tat eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie damit leben können.

Indes: Weil bei der Mediation der Druck fehlt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass sich die Parteien überhaupt einigen. So liegt die große Zahl gerichtlicher Vergleiche in arbeitsgerichtlichen Verfahren weniger an der hohen sozialen Kompetenz der Richter als vielmehr an deren Möglichkeiten, Druck auszuüben. Genau dieser Druck fehlt bei der Mediation, weil ihr Fehlschlagen keine negativen Folgen hat. Das Zustandekommen einer Einigung hängt alleine vom guten Willen der Beteiligten ab. Damit sind nur solche Fälle mediationstauglich, die auch bisher bereits mit Hilfe von Anwälten außerhalb des Gerichtssaales geklärt werden konnten. Die festgefahrenen Fronten einer harten, lange andauernden Auseinandersetzung lassen sich hingegen nicht in einer Selbsthilfegruppe lösen, auch nicht in einer moderierten. Im Gegenteil: Der Versuch, durch Mediation einen Rechtsstreit zu umgehen, kann leicht nach hinten losgehen. Dann nämlich, wenn die Parteien feststellen, dass das Mediationsverfahren außer erheblichen Kosten und Zeitverlust nichts zu ihrer Problemlösung beiträgt. Da ist es oft die bessere Lösung, eine gerichtliche Auseinandersetzung nicht zu scheuen, dabei aber freilich stets offen zu bleiben für konstruktive Vorschläge aller Beteiligten. Dies schließt Richter und Anwälte ein, die über große Erfahrung bei der Bewältigung von Konflikten verfügen und an vernünftigen Ergebnissen interessiert sind.

Dies berechtigt zu der Frage, warum die Mediation in der öffentlichen Wahrnehmung einen viel größeren Stellenwert einnimmt als in der Rechtswirklichkeit. Die tatsächlich so therapierten Konflikte stehen in keinem Verhältnis zur Zahl der angebotenen Fortbildungen, Bücher, Institute und Fachleute. Mediation floriert auf dem Primärmarkt, auf dem mit viel Tamtam Know-how für angehende Mediatoren verkauft wird. Der Sekundärmarkt, auf dem das Produkt Mediation angeboten wird, der fristet ein Schattendasein.

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