Kolumne
Digitale Freiheit

Anbieter sozialer Netzdienste verweigern den Nutzern die Hoheit über die eigenen Daten. Findige Entwickler stricken nun ein Über-Netzwerk.

Mit den meisten sozialen Web-Anwendungen ist es wie mit Kinofilmen: Darüber reden ist müßig, die volle Wirkung entfalten sie erst beim Persönlichen Erleben. Flickr ist so ein Fall. Man kann sich den Mund beim Versuch fusselig reden, die Faszination zu beschreiben, die dem planetaren Fotoalbum inne wohnt - oder es gleich sein lassen. Die Anziehungskraft sozialer Netzwerke hat sehr wenig mit Technik und sehr viel mit Konzepten zu tun, die Menschen seit der Höhlenzeit umtreiben: Freundschaft, Geselligkeit, die Begeisterung für Gemeinsamkeiten, der Austausch von Erlebtem.

Dass der Bilderberg Flickr weit mehr ist, als die digitale Entsprechung eines Fotoalbums, wurde vielen Nutzern erst klar, als die Konzernmutter Yahoo vor einigen Wochen ihre Bedingungen für deutsche Nutzer änderte. Yahoo erklärte kurzerhand die gesamte deutsche Nutzerschaft zu Minderjährigen und enthielt ihnen Bilder vor, die andere Mitglieder als "fragwürdig" gekennzeichnet hatten.

Empört über diese Bevormundung zogen etliche hiesige Flickr-Nutzer ihre Bildersammlungen ab und emigrierten auf unterschiedliche Konkurrenzplattformen. Erst nach einigen Wochen wurde das komplette Desaster sichtbar, das diese Massenflucht angerichtet hatte: Tausende Blog-Links verwiesen auf entschwundene Fotos, Themengruppen hatten ihre fleißigsten Mitglieder verloren und Diskussionsfäden führten ins Leere.

Den Flüchtlingen ging es aber nicht viel besser: In ihren neuen Heimstätten vermissten sie ihre alten Freunde, liebgewordene Gruppen und Alben existierten nicht mehr, zudem besaß keiner der Zufluchtsorte eine Bevölkerungsdichte, die an die von Flickr nur annähernd heranreichte. Was soziale Web-Dienste wertvoll macht, sind die Verknüpfungen, welche die Nutzer untereinander anlegen.

"Warum gibt es keine Exportiere-mein-Netzwerk-Funktion?", ärgerte sich Web-Entwickler Dirk Olbertz damals öffentlich in seinem Blog. Statt einfach nur die Ungerechtigkeit der Welt zu beklagen, machte Olbertz sich an die Lösung des Problems: "Noserub" (zu deutsch: Nasereiben) soll eine Art dezentrales Über-Netzwerk werden. Eine portable Technologie, welche die Netzwerkinformationen beim Nutzer belässt, statt sie in die Datensilos kommerzieller Portalbetreiber einzuspeisen.

Noserub oder ähnliche Ansätze könnten mittelfristig die Geschäftsmodelle von Xing, Facebook, StudiVZ und all den anderen geschlossenen Clubs in Frage stellen. Neben Freundschaft und Geselligkeit lieben Menschen nämlich auch die Freiheit. Auch das war in Höhlenzeiten nicht anders.

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