Kolumne: Fünf Fragen an
Nachhilfelehrer macht die Hausaufgaben

Weil die Menschen den Unternehmensführern nicht vertrauen, diese sich selbst nicht vertrauen, deshalb gibt es fast nur noch beratergestützte Entscheidungen.

Weil die Menschen den Politikern nicht vertrauen, diese sich selbst nicht vertrauen, deshalb gibt es die Hartz-, Rürup-, Herzog-Kommission, die Expertenkommission Corporate Governance, den Ethikrat und dergleichen mehr. Weil die Menschen den Unternehmensführern nicht vertrauen, diese sich selbst nicht vertrauen, deshalb gibt es fast nur noch beratergestützte Entscheidungen.

Und da die Dinge komplex sind und die Welt unübersichtlich, und wir nicht wissen können, welches Wissen instrumentell erfolgreich ist, deshalb wird der Wahrheitsbeweis gefordert. Den kann nur die Wissenschaft liefern. Was liegt also näher, als die All-in-one-Ausgabe zu holen: Hochschulprofessoren - Berater und Wissenschaftler in einem.

Interessen kommen sich da entgegen: Die Wirtschaft will möglichst direkten Zugang auf die Forschungsleistungen der Universitäten. Umgekehrt wollen die Universitäten den wirtschaftlichen Wert des von ihnen generierten Wissens nutzen. Das ist nicht ohne Tücken. Zunächst für die Akademie: Die Rolle wissenschaftlicher Experten wird mit Offenheit der Kommunikation, Neutralität und Glaubwürdigkeit identifiziert. Für sie steht also viel auf dem Spiel. Wenn Wissen aber zur Ware wird, gerät es unter die Bedingungen von Markt, Kapital und eigenen Verwertungsinteressen. Jedes Unternehmen dagegen möchte möglichst exklusiven Zugang zu wissenschaftlichem Wissen, um sich dadurch Konkurrenzvorteile zu beschaffen. Damit entfernt sich die Universität von ihrer traditionellen Rolle, Wissen als moralische und kulturelle gesellschaftliche Kraft zu schützen - und es allen verfügbar zu machen. An die Stelle einer allgemeinen öffentlichen Verfügbarkeit von Wissen treten Eigentumsrechte. Mit den logischen Verhaltensweisen Geheimhaltung und taktischer Verwendung.

Zudem ergeben sich Folgen für die Verlässlichkeit wissenschaftlichen Wissens. Wirtschaftliche Interessen können sich negativ auf die Kritikfähigkeit der Forscher auswirken. Forschungsdaten, die diesen Interessen entgegen stehen, werden nicht publiziert; unangenehme Fragen werden nicht gestellt, Spät- und Nebenwirkungen ausgeblendet, Widersprüchliches geglättet. Die New York Times vom 28.04.1998 berichtet, dass die interessierte Industrie fünf Millionen Dollar für wissenschaftliche Experten bereit gestellt habe, die die Ergebnisse der Klimaforschung kritisieren könnten.

Der Verlust der sozialen Distanz hat aber auch Folgen für das Management: Wenn wissenschaftlichem Wissen Problemlösungsautorität zugeschrieben wird, dann erhalten unternehmensfremde Experten einen bestimmenden Einfluss auf unternehmerische Sachentscheidungen. Werden Entscheidungen dadurch legitimer? Wohl kaum. Im Gegenteil: Der Vorteil einer fragwürdigen Entscheidungssicherheit wird mit interner Illegitimität bezahlt. Die Mitarbeiter verlieren den direkten Kontakt zu ihrer Führung, weil nun eine unternehmensexterne Ebene zwischengeschaltet ist. Wie sollen Fremde berücksichtigen, was es hier für Besonderheiten gibt, Lebenswertes? Wichtiger noch: Die Durchdringung aller Lebensbereiche mit wissenschaftlichem Wissen verdrängt andere Wissensformen - zum Beispiel Erfahrungswissen - und mit ihm die erfahrungsgesättigte Weigerung, alle Dinge durch Berechnen beherrschen zu können.

Was im Politischen offener Formenmissbrauch ist und mithin einem Verfassungsbruch gleichkommt, entzieht also der Unternehmensführung die Glaubwürdigkeit und damit die Legitimität. Geschwächt wird die ursprüngliche Autorität des Managements, das Richtige und Vernünftige zu vertreten. Konsterniert betrachten wir die Selbstentmachtung des Managements.

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