Kolumne: Größerer Realismus ist gefragt
Venture-Capital in Deutschland - Trends und Ausblick

Folgt man manchen Aussagen, die fast täglich in der Presse zu finden sind, so erlebte die Venture-Capital-Branche im Jahr 2001 ihr Waterloo. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass der Abschwung - zumindest in Deutschland - sich in erster Linie auf das klassische Venture-Capital, also Seed-, Startup- und Bridge-Capital ausgewirkt hat. In diesen Bereichen brachen die Investitionen um 43 % auf nunmehr bloß 1,3 Mrd ein.

Gast-Kolumne von Dr. Frank Golland, Partner KPMG Corporate Finance, Head of Private Equity Deutschland, und Richard Markus, Partner KPMG Corporate Finance, Co-head Industrial Markets Europe.

Der Bereich der Later-Stage-Investitionen (oft auch als "Private Equity" bezeichnet), also Expansionsfinanzierungen bereits etablierter Unternehmen und Unternehmensübernahmen durch Finanzinvestoren ("Buyouts") konnten sich dagegen vergleichsweise gut behaupten. Insgesamt wurden von Venture-Capital- und Private-Equity-Fonds im vergangenen Jahr ca. 4,3 Mrd. investiert, ein Rückgang von nur 4 % im Vergleich zu 2000.

Eine wenig erfreuliche Entwicklung zeigte sich auch bei den "Exits" also den Abgängen aus den Portfolios der Venture-Capital-Gesellschaften. Dabei waren erstmals in der jüngeren Vergangenheit Beteiligungsabschreibungen die bedeutendste Kategorie. Diese betrafen auch die etablierten Häuser und insbesondere deren Seed- und Startup-Investitionen. Mit etwa 600 Mill. waren die Abschreibungen 2001 mehr als doppelt so hoch wie noch im Jahr zuvor und überstiegen damit die Erlöse aus Verkäufen um mehr als 100 Mill. . Wenig überraschend ist auch die Tatsache, dass der Exitkanal "Börsengang" mit Gesamterlösen von nur 7 Mill. fast gänzlich verschlossen blieb.

Nach Branchen betrachtet zeigt das bisher dargestellte Bild deutliche Differenzierungen. Viele klassische Venture-Capital-Branchen mussten kräftig Federn lassen: Investitionen in den Bereich "computerbezogene Informationsdienstleistungen" gingen um 36 % auf 700 Mill. zurück. Ähnlich verlief es bei den Kommunikationsdienstleistungen (ebenfalls minus 36 % auf 330 Mill. ).

Eine nennenswerte Ausnahme waren Biotech-Unternehmen, die im Equity-Raising relativ erfolgreich waren. Mit einem Volumen von fast 500 Mill. wurde der Vorjahreswert sogar leicht überschritten. Zuwächse gab es außerdem in den traditionellen Industriezweigen der "Old Economy" (vor allem Chemie- und Werkstoffe, Maschinen-/Anlagenbau und Konsumgüter), die heute viel weniger alt aussieht als noch vor 18 Monaten.

Die Ursachen für die genannten Entwicklungen sind vielfältig. Sicherlich spielen die ungünstigen Bedingungen an den Kapitalmärkten eine gewichtige Rolle, da diese den finanzierenden VC-Gesellschaften wenig Raum für Exit-Phantasien übrig lassen. Die allgemein schlechte Stimmung sowie die schwache Konjunktur der Weltwirtschaft tun ihr Übriges.

Eine dramatische Entwicklung spielte sich im Jahr 2001 bei den Unternehmensbewertungen ab. Diese sind für kapitalsuchende Unternehmen ähnlich eingebrochen wie die Bewertungen am Neuen Markt. Nach dem "Hype" der Vorjahre ist also allem Anschein nach größerer Realismus eingekehrt.

So betrachtet wäre jetzt der Zeitpunkt für VC-Gesellschaften günstig einzusteigen. Allerdings ist bei der täglichen Transaktionsarbeit zu beobachten, dass die psychologische Hemmung, in Unternehmen in frühen Entwicklungsphasen zu investieren, weiterhin sehr groß ist. Es scheint, dass die massiven Beteiligungsabschreibungen in diesen Bereichen erst "verdaut" werden müssen. Impulse für die Branche sind durch das zweifellos steigende Bewusstsein der Bedeutung einer ausreichenden Eigenkapitaldecke im deutschen Mittelstand zu erwarten. Dieses Thema wurde im Zuge der Diskussionen um die Basel-II-Vereinbarung oft ins Spiel gebracht. Immer häufiger wird man als Corporate-Finance-Berater von Gesellschaften angesprochen, die bei der Aufbringung von Eigenkapital und eigenkapitalnahen Finanzierungen, so genanntes Mezzanine-Kapital, nach professionellem Rat suchen.

Wir sehen außerdem, dass die Volumina des zu investierenden Kapitals bei den VC-Gesellschaften weiter steigt. Kapitalsuchende Unternehmer mit soliden Konzepten und realistischen Erwartungen haben also weiterhin gute Chancen, wenn sie nicht den Überblick über den immer komplexer werdenden Markt verlieren.

Das laufende Jahr wird auch von den im Vorjahr zu sehenden Trends bestimmt werden. Vergleichsweise starke Aktivitäten lassen sich in den ersten beiden Monaten des Jahres vor allem in den Bereichen Mikrotechnologie, Nanotechnologie und auch Biotech feststellen. In letzterem gibt es eine Reihe nicht-börsennotierter Unternehmen, die von VC-Investoren umworben werden. Die stärkste Investitionstätigkeit erwarten wir allerdings wie im Vorjahr im Bereich der "Later Stage"-Finanzierungen, also Expansionskapital und Firmenübernahmen (Buyouts) im Zuge von Nachfolgeregelungen und Spinoffs aus Konzernen.

Quelle: HANDELSBLATT

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