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Kolumne: Im Genom allein steckt kein Geld

Biotechnologie floriert in den USA. Im vergangenen Jahr flossen 2,8 Milliarden US$ Wagniskapital an Biotechnologie-Unternehmen. 67 Börsengänge brachten zusätzliche 40 Milliarden US$. Lukrativ waren die ersten Ansätze nicht. Das Interesse und die Investitionsbereitschaft haben aber nicht nachgelassen - das Thema lässt das Silicon Valley nicht mehr los.

Die Durchbrüche in der Molekularbiologie der vergangenen Jahre haben uns den Atem verschlagen. Erst entzifferten die Forscher die DNA von Bakterien und Hefen, dann wagten sie sich an Pflanzen, Würmer und Fliegen, schließlich entschlüsselten sie kurz nach dem Genom der Zebrafische und Mäuse auch noch das Erbgut des Menschen. Die Erbsequenzen von Pflanzen und Menschen, hofften die Forscher, böten sich an für neue Anwendungen in Agronomie und Pharmakologie.
Aber die ersten Investitionen in die Unternehmen dieser Branche waren durchweg enttäuschend.

Der erste herbe Rückschlag war bei genetisch veränderten Pflanzen zu verkraften. Wenn Nutzpflanzen durch genetische Manipulation herbizidresistent werden, dann kann diese Resistenz nach gewisser Zeit auch auf das benachbarte Unkraut übergehen. Und wenn Pflanzen genetische Giftstoffe für Schädlinge entwickeln, dann können diese Giftstoffe eben auch andere Organismen treffen. Schmetterlingsschicksale erregten die Weltpresse, und als sich dann auch noch herausstellte, dass Menschen vielleicht nicht gleich sterben, aber doch unangenehme Allergien entwickeln könnten, war das Ungemach perfekt.
Vor allem die Verbraucher in Europa reagierten, als seien sie in ein Brennesselfeld gefallen. Die Geschäftsmodelle der Firmen, die in diesem Gebiet tätig waren, kollabierten. Richtig unangenehm wurde es für den Konzern Monsanto. Der Chemiekonzern experimentiert selbst mit genetisch veränderten Organismen, hat zugleich aber auch noch viele junge Unternehmen finanziert.

Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms verlief insgesamt erfreulicher. Unser Erbgut ist ein wenig kleiner als erwartet - aus genetischer Sicht sind wir nur leicht modifizierte Mäuse. An Kränkungen dieser Art sollten wir seit Galileo Galilei und Charles Darwin allerdings gewöhnt sein. Die Erkenntnis, dass sich allein mit dem Genom noch kein Geld verdienen lässt, schmerzte da schon mehr, zumindest die Investoren. Biologen hatten schon vorher Alarm geschlagen, denn Patente auf diesem Gebiet werden kaum anerkannt. Das Klonen von Menschen ist ethisch etwas problematisch, und von einer Gensequenz zu einem Medikament ist es ein ziemlich unklarer, und auf jeden Fall weiter, Weg.
Celera Genomics, der industrielle Genom-Decoder, ist trotz des unbestreitbaren Forschungserfolgs inzwischen an der Börse für nur ein Zehntel seines Spitzenpreises von vor einem Jahr zu haben.

Meilensteinen in der Forschungsgeschichte sind also alles andere als ein Garant für sprudelnde Gewinne.

Von Genen zu Proteinen

Proteine sind da schon interessanter. Diese durch das Lesen der Erbsequenz gebildeten Eiweiße bestimmen so ziemlich alles, was in den Zellen unseres Körpers passiert. Leider war das Studium von Proteinen traditionell eine mühsame Kleinarbeit - nicht gerade der Traum eines Investors.
Dies änderte sich mit einer bahnbrechenden Publikation von Peter Uetz et al. in der Fachzeitschrift "Nature" im Februar vergangenen Jahres. Die Forscher berichteten darin davon, wie Tausende Proteine aufeinander "losgelassen" und deren Wechselwirkungen untersucht wurden. Zwar handelte es sich um Hefe-Proteine, aber das Prinzip der "High Throughput Methods" (Methoden mit hohem Durchsatz) war übertragbar. Plötzlich verstanden auch Nicht-Biologen: Auf diese Weise könnten sich medizinisch hochinteressante Wechselwirkungen auf breiter Basis erzeugen lassen - und die Ergebnisse ließen sich vielleicht sogar patentieren.

Seither blüht "Proteomics", das Studium der Wechselwirkungen von Proteinen durch Methoden mit hohem Durchsatz. Auch Hochgeschwindigkeitskristallographie oder andere skalierbare Ansätze stehen bei Investoren hoch im Kurs. Startup-Unternehmen wie Signature BioScience und Syrrx ziehen Kapital an. Und Aktienuntenehmen, wie Large Scale Biology, Celera Genomics und Myriad Genetics fokussieren sich zunehmend auf Proteininteraktionen.

Noch gibt es keine Produkte, aber wir hier im Valley sind optimistisch, dass sich in den nächsten Jahren daraus spannende Entwicklungen ergeben.

Biotech und Infotech

Am interessantesten ist möglicherweise die vielfältige Symbiose, welche sich zwischen Methoden und Unternehmen der Informations- und der Biotechnologie zu entwickeln beginnt. Nathan Myhrvold, der frühere Cheftechnologe von Microsoft, zieht beispielsweise durch die Lande und verkündet jedem, der es hören will, und auch allen anderen, Biotechnologie sei die nächste "exponentielle Industrie". Jim Clark, Gründer von Silicon Graphics und Netscape, sitzt im Aufsichtsrat eines Unternehmens namens DNA Sciences. Compaq Biotech Ventures lieferte Systeme für Gensequenzzentren, bildete eine Forschungsallianz mit Celera und investiert 100 Millionen US$ in Biotechnologieunternehmen. IBM Biotech Ventures baut nicht nur für 100 Millionen US $ "Blue Gene", einen Proteinstruktursimulator, sondern investiert noch einmal den gleichen Betrag in einen "Life-Sciences"-Geschäftszweig. Silicon Graphics Biotech Ventures und Sun Microsystems Biotech Ventures liefern respektive auf Biotechnologie spezialisierte 3D Systeme und Java-Server.

Doch die IT-Biotech-Symbiose geht weiter. Beispielsweise verspricht Caliper Technologies, das im Dezember 2000 an die Börse ging, ein ganzes Labor auf einem Chip ("Lab-on-a-Chip". Tatsächlich können einfache Experimente in mikroskopischen Dosen auf einem Chip vollzogen und gleich ausgewertet werden - was Zeit und Material spart. Caliper vollzog früh in seiner Laufbahn eine Repositionierung - von einem Biotechnologie zu einem Informationstechnologie-Unternehmen - da es glaubte, damit eine höhere Bewertung zu erhalten. Das "Timing" war in diesem Fall vielleicht nicht ganz optimal gewählt.

Viele weitere Beispiele könnten angeführt werden. Bio-IT reicht bis hin zu Nanotechnologien: Forscher von Bell-Labs verkündeten im August vergangenen Jahres die Erstellung des ersten "DNA-Motors". Dieses Miniwunderwerk soll angeblich eines Tages tausend Mal schnellere Computere ermöglichen.

Noch ist nicht bewiesen, dass sich mit Proteomics oder Bio-IT auf breiter Ebene wirklich Geld verdienen lässt. Aber nach dem "Nuklearen Winter" der Biotechnologie in den USA in den Neunzigerjahren, als die bloße Erwähnung des Begriffs einen Venture Capitalist "beide Hände schützend vor sein Portemonnaie haltend" aus dem Raum trieb, ist das Interesse an dem Thema wieder neu erwacht.

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