Kolumne
Ja zum Ballern

Anderswo werden digitale Medien als Zukunftschance erkannt - hier pflegt man Ignoranz und Nostalgie. Das Neue macht den Deutschen Angst.
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Wieso sind die USA eigentlich so weit vorn?" fragte neulich Mercedes Bunz, Online-Chefin des Tagesspiegel, in ihrem Weblog - und meinte damit das Verständnis für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Dimension des Internet.

Hier meine Antwort: Deutschland leidet an kollektiver Kainophobie, der Angst vor dem Neuen. In deutschen Büros und Wohnzimmern herrscht Nostalgie statt Futurismus, verklärte Rückbesinnung statt Aufbruchsstimmung. Im Zweifelsfall ist das Gestern attraktiver als das Morgen - und auch als das Heute.

Schon im benachbarten Flachland pflegt man eine andere Attitüde: Auf der "Crossmedia Week", einer Medienkonferenz in Amsterdam, begrüßte Bürgermeister Job Cohen die Anwesenden so: "Willkommen in Amsterdam, Europas Hauptstadt der Hacker."

Während anderswo längst die Computerspielbranche als künftiger Umsatz- und Arbeitsplatzmotor identifiziert wurde, diskutieren hierzulande alte Männer in hysterischen Tönen ein Verbot sogenannter Killerspiele - und treiben damit talentierte Entwickler ins Ausland.

Die so abfällig als "Killerspiele" titulierten Games der Geschmacksrichtung Ego-Shooter sind ein wunderhübsches Beispiel dafür, wie digitale Medien als Kreativitätskatalysator wirken können: Machinima nennt sich eine junge Kunstform, die ihren Ursprung in der Ballerspiel-Ecke hat. Statt ihre Freizeit mit dem Meucheln virtueller Monstren zu verbringen, nutzen findige junge Menschen die Spielsoftware, um eigene Filme zu erschaffen.

"Anna" zum Beispiel ist eine märchenhafte Animation, die das Wachstum einer Pflanze im Wald thematisiert. Ein rund achtminütiges, poetisches Meisterwerk über Entstehen und Vergehen, erschaffen mit demselben Programmcode, der unter der Motorhaube des Metzelklassikers "Quake" werkelt, einem Stück Software also, das mancher Politiker gerne per Gesetz aus Deutschland verbannen würde. Wer dem Neuen ohne Neugier begegnet, wird Solitäre wie "Anna" niemals entdecken und in modernen Medien weiterhin den Untergang des Abendlandes vermuten. Unwissen macht Angst.

Die Ignoranz gegenüber den Möglichkeiten digitaler Technologien ist der Analphabetismus unserer Tage. Und wer sich nicht die Mühe macht, lesen und schreiben zu lernen, sollte sich aus Rechtschreibdiskussionen heraushalten.

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