Kolumne: Londoner City-Talk
Jaguar freut sich schon

LONDON. Nicht nur Fußball ist ein Spiel mit zwei Hälften. Gerade haben die Investmentbanker die ersten sechs Monate dieses Jahres abgerechnet, und was unter dem Strich steht, gefällt ihnen: Trotz der Turbulenzen im Mai und Juni verzeichnen sie weltweite Rekorde bei Übernahmen und bei Börsengängen. Investmentbanker wären keine Investmentbanker, wenn sie die Zahlen nicht sofort in persönliches Einkommen umrechnen würden. Deshalb wird schon zur Halbzeit des Jahres 2006 spekuliert, wie hoch die Boni am Ende der Saison ausfallen werden.

Frei nach der Devise: „Man spart doch kein Geld – man macht welches“ erwarten viele in der City, dass 2006 der Bonustopf noch einmal um 20 bis 25 Prozent wachsen könnte. Dabei war 2005 bereits ein Ausnahmejahr. Allein in London schütteten die Banken etwa 7,5 Milliarden Pfund aus, fast zwei Milliarden mehr als zum Höhepunkt des Technologiebooms.

Die Sache hat nur einen Haken: Die Reichtümer wurden ausgesprochen ungleich verteilt. Fast zwei Drittel der Londoner Banker, Analysten, Fondsmanager und Vermögensverwalter mussten sich 2005 mit dem gleichen oder einem schlechteren Bonus als im Vorjahr begnügen. Die Geldhäuser sparten ihr Geld für die Stars auf.

Kann es sich die Finanzbranche in diesem Jahr leisten, genauso selektiv vorzugehen? Einiges spricht dagegen. 2006 werden sich wohl deutlich mehr Banker einen neuen Jaguar oder ein bezauberndes Wochenendhäuschen auf dem Land leisten können. Der Grund: Der Aufschwung hat noch einmal an Tempo gewonnen, und in einigen Bereichen wird qualifiziertes Personal bereits knapp.

Die Indizien für den Personalnotstand sind eindeutig: John Tiner, der Chef der britischen Finanzaufsicht, musste 2005 sein Personalbudget um zwölf Millionen Pfund überziehen. Das meiste davon gab er für Sonderprämien aus, die seine besten Kräfte davon abhalten sollten, in der Finanzbranche anzuheuern. Die Zahl der freien Stellen dort ist im Mai gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent gestiegen.

Ein weiteres Indiz für die Personalknappheit ist die Phantasie, die die Banken entwickeln, um junge Talente an sich zu binden. Längst locken sie nicht mehr nur mit dicken Pfundbündeln. Wer will, kann sich auch Anzüge und Hemden vom Arbeitgeber reinigen lassen, und zur Not übernimmt der auch das Schuheputzen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%