Kolumne
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Von wegen demokratisches Medium: Im Web regieren die Platzhirsche und die kleinsten gemeinsamen Nenner.
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In der Theorie ist das Internet ein durch und durch demokratischer Publikationsraum. Jeder kann dort mühelos und quasi kostenfrei seine mehr oder minder relevanten Gedanken zum Gang der Welt veröffentlichen und hat zumindest die hypothetische Chance, ein Millionenpublikum zu erreichen. In der Praxis sind die Mechanismen der Aufmerksamkeitsströme im Netz jedoch weit von diesem „Alle sind gleich“-Ideal entfernt. Die unbequeme Wahrheit lautet: Nichts macht erfolgreicher als Erfolg.

Cory Doctorow, Science-Fiction-Autor und einer der vier Schreiber des außerordentlich erfolgreichen Blogs „Boing Boing“, erklärt dieses Prinzip so: „Je länger man im Web publiziert, um so mehr Leute haben einen bereits verlinkt, um so einfacher wird man gefunden, und um so eher wird man wiederum verlinkt." Jeder Hyperlink ist ein potenzielles Einfallstor für neue Leser und nicht nur das: Seit Suchmaschinen eingehende Links als Indiz für die Relevanz einer Seite werten, hat diese Dynamik noch zusätzlich an Tempo zugelegt. In der Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes bedeutet das: Die Reichen werden reicher.

Ursprünglich ins Netz gestellt, um mit Hilfe von Nutzerwertungen lesenswerte Artikel aus der täglichen Infoflut zu filtern, offenbaren Digg und seine Nachahmer noch einen weiteren bemerkenswerten Trend im Web: den Sieg des kleinsten gemeinsamen Nenners. Kontroverse Thesen haben kaum eine Chance auf eine Top-Position in die Empfehlungscharts zu steigen, da sie naturgemäß etliche negative Bewertungen auf sich ziehen.

In seinem Zukunftsroman „Down and Out in the Magic Kingdom“ (gerade unter dem Titel „Backup“ auf Deutsch erschienen) stellt Cory Doctorow ein interessantes Gedankenexperiment an: Wie sähe eine Welt aus, in der Bewertungssysteme, wie es sie etwa für Ebay-Verkäufer gibt, über den Stellenwert eines Menschen innerhalb der Gesellschaft bestimmen würden? Was wäre, wenn unsere soziale Stellung und unsere materielle Lebensqualität unmittelbar an die Meinungen gekoppelt wären, die unsere Mitmenschen von uns haben?

Das hört sich zunächst recht verlockend und ausgesprochen gerecht an. Würde doch ein freundlicher, zuvorkommender Mensch, der den ganzen Tag mit guten Taten verbringt, ein besseres Leben führen, als ein ungehobelter Dauernörgler, der allen auf den Nerven herumtrampelt.

Erst auf den zweiten Blick erkennt man die Gefahr dieser Idee: „Das System belohnt populäre Standpunkte und Ideen“, erklärt Doctorow. „Minderheitenpositionen haben keine Chance.“ Gerade letztere seien jedoch für eine freiheitlichen Demokratie wichtig. Im Netz wie im Leben.

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