Kolumne Marktwirtschaft: Ordnungspolitik im Handelsblatt
Der Markt wird es richten

Unsere exzessive Gegenwartsfixierung muss einer größeren Zukunftsorientierung weichen. Wir dürfen nicht länger von unserer Substanz zehren, wir müssen uns den Herausforderungen stellen.

Die Deutschen müssen sich entscheiden. Sie können am Vertrauten festhalten und weitermachen wie bisher, oder sie können mit tief verinnerlichten Sicht- und Verhaltensweisen brechen und beherzt einen anderen Kurs einschlagen. Machen sie weiter wie bisher, werden sie zunächst im Vergleich zu anderen Völkern und dann auch gemessen an ihrer eigenen Vergangenheit absteigen. Bei Schulen und Universitäten, Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur - und nicht zuletzt der Wirtschaft - werden sie in Fortsetzung eines seit 30 Jahren beschrittenen Pfades einen Spitzenplatz nach dem anderen räumen. Schon jetzt ist Deutschland in vielen Bereichen nur noch Mittelmaß. Hält der bisherige Trend an, wird dieses Mittelmaß innerhalb weniger Jahre auf ein knappes Befriedigend und dieses binnen einer Generation auf ein Ausreichend abfallen.

Wer meint, dass sich ein Volk gewissermaßen reflexartig gegen eine solche Entwicklung aufbäumt, irrt. Denn bergab geht es allemal leichter als bergauf. Das gilt besonders, wenn der Abstieg sanft verläuft, die Bevölkerung also ausreichend Gelegenheit hat, sich an ihn zu gewöhnen. Zunächst gibt es ja noch genügend Menschen, die ordentlich lesen und schreiben können, die Infrastrukturen funktionieren vorerst weiter leidlich, und die sozialen Sicherungssysteme bewahren alle vor einem existenziellen Absturz. Wogegen dann aufbegehren? Als Deutschland wieder vereinigt wurde, waren die Westdeutschen überrascht, womit sich ihre ostdeutschen Landsleute jahrzehntelang abgefunden hatten. Viele hatten den schleichenden Verfall ihres Landes kaum noch wahrgenommen, und sie hätten ihn wahrscheinlich sogar noch weniger wahrgenommen, wenn nicht allabendlich das westdeutsche Kontrastprogramm in ihre Wohnzimmer geflimmert wäre. Manche gewannen dem Verfall sogar gute Seiten ab. Es war alles viel entspannter, glauben sie sich bis heute zu erinnern, weniger Anstrengung, weniger Hektik.

Menschen gewöhnen sich vielleicht nicht an alles, aber doch an vieles. Geht es bergab, beruhigen sie sich zunächst mit dem Gedanken, nur Überflüssiges zurückzuschneiden. Dann verzichten sie auf vermeintlich Entbehrliches. Warum das Auto nicht noch ein Jahr länger fahren oder den Mantel einen weiteren Winter tragen? Auch die Renovierung der Wohnung ist nicht so drängend - und wenn doch, kann sie selbst durchgeführt werden. So kommt eines zum anderen. Mehren sich die Schlaglöcher auf den Straßen, wird ein Schild "Vorsicht" aufgestellt. Das ist billiger als die Reparatur. Verwildern die öffentlichen Parkanlagen, heißt es ironisch "Zurück zur Natur". Schließlich werden die Segnungen des einfachen Lebens entdeckt. War Bescheidenheit nicht stets eine Tugend?

Dieser Weg lässt sich umso angenehmer beschreiten, als nunmehr Inkompetenz und Schlendrian weniger auffallen. Bahn - und Autobahntrassen vermüllen, die Arbeitszeit franst an ihren Rändern aus, die Zahl der Schulschwänzer wächst, der Urlaub wird nach Gutdünken gestreckt. Das alles wird kaum noch als Regelverstoß empfunden, eher als Ausdruck von Freiheit und Selbstverwirklichung. Andere Völker betrachten uns inzwischen mit einiger Verwunderung: Das sind nicht mehr die Deutschen von ehedem.

Die Deutschen mögen es behaglich. Das Unternehmerdasein lehnt die überwältigende Mehrheit als zu stressig und risikoreich ab. Ihr Ideal ist die unbedingt verlässliche abhängige Beschäftigung bei guter Vereinbarkeit von Beruf und Familie und ausreichend Freizeit. Das wünschen sich vier Fünftel der Erwerbsbevölkerung, und immerhin zwei Drittel möchten ein Leben lang im selben Beruf arbeiten. Diese Wünsche erscheinen heute so selbstverständlich, dass kaum noch jemand fragt, ob sie sich denn auch mit jenem hochproduktiven Arbeitsleben vereinbaren lassen, dessen Früchte die meisten gerne ernten möchten.

Machen wir uns nichts vor: Einen Spitzenplatz zu erobern und zu behalten ist äußerst schweißtreibend, gleichgültig ob in der Kunst, dem Sport, der Wissenschaft oder der Wirtschaft. Das trifft für den Einzelnen, aber auch für ganze Völker zu. Abstrakt wollen die meisten vorne sein. Wird es jedoch konkret, zucken sie zurück. Da müssten sich viele Eltern weit intensiver um ihren Nachwuchs kümmern, damit nicht ein Drittel der Erstklässler erhebliche Sprachdefizite aufweist; da müssten Schüler, Studenten und ihre Lehrer regelmäßig ihr Bestes geben; da müssten Konflikte zwischen Beruf und Privatleben im Allgemeinen zu Lasten des Letzteren gelöst werden. Vor allem aber müsste die fast schon exzessive Gegenwartsfixierung einer größeren Zukunftsorientierung weichen. Anders gewendet, müsste eine Gesellschaft, die sich in vielen Jahren daran gewöhnt hat, von ihrer Substanz zu zehren, die gerissenen Löcher wieder schließen und so investieren, dass ihr Wohlstand über den Tag hinaus gesichert bleibt. Das sollten alle wissen, die Deutschland wieder wirtschaftlich stark sehen wollen. Diese Stärke erwächst nicht aus der Wirtschaft selbst. Vielmehr ist sie Ausdruck einer außerordentlichen kulturellen Leistung, die keineswegs den Neigungen der breiten Mehrheit entspricht. Der Mensch ist - so lehrt uns die Verhaltensforschung - von Natur aus der Muße nicht gerade abgeneigt. Und ferner lehrt sie uns, dass Menschen ihre einmal erlangten Prägungen allenfalls unter dem Eindruck von Katastrophen verändern. Das zeigt die Größe der Herausforderung: auch ohne Katastrophe umzusteuern, um den Abstieg zu vermeiden.

Ist das überhaupt möglich? Die Antwort ist ein klares Ja, vorausgesetzt, es gelingt, den weithin abgestorbenen Markt nicht nur im Bereich der Wirtschaft, sondern in vielen Lebensbereichen zu reaktivieren. Denn der Markt belohnt und be- straft mit eiserner Konsequenz und setzt so Kräfte frei, die sonst erlahmen. Vermutlich ist das die Ursache des sich abzeichnenden Niedergangs: Die Härte dieses richtenden Marktes wurde sozial allzu weich abgepolstert. Ludwig Erhard und andere warnten bereits vor 40 Jahren vor dieser Entwicklung, die Deutschland inzwischen genommen hat. An uns ist es, hieraus die notwendigen Schlüsse zu ziehen.

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