Kolumne: Nachbörslich notiert
An der Wall Street werden die Karten neu gemischt

"Shorter of breath, and one day closer to death..." ist eine düstere Zeile aus Pink Floyds "Dark Side of the Moon". Dem Tod einen Tag näher wähnt man sich. Pessimisten an der Wall Street geht das in diesen Tagen ähnlich, und deren Zahl wird immer größer.

Was verdrießt die Beobachter? Es ist die Konjunktur, und es ist eine gewisse Sicherheit, dass die Zahlen, die am Donnerstag und Freitag veröffentlicht werden, die schönen Kursgewinne der vergangenen Wochen kaputt machen. Denn es sieht im gesamtökonomischen Umfeld lange nicht so gut aus, wie ein Sam Palmisano aus Sicht von IBM darlegt oder eine Abby Joseph Cohen immer wieder beschwört.

Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass vor allem der Arbeitsmarktbericht am Freitag schlecht ausfallen wird. Experten rechnen damit, dass sie Arbeitslosenquote von derzeit 5,6 % auf 5,8 % steigen wird. Vor dem Hintergrund eines lahmen Umfelds kürzen Unternehmen immer stärker. "Man geht kein Risiko nicht mehr ein", sagt John Challenger, Arbeitsmarktexperte von Challenger Gray & Christmas in Chicago. "Man gibt kein Geld aus, vor allem nicht für neue Mitarbeiter."

Die Agentur hat am späten Mittwoch eine erschütternde Statistik veröffentlicht, nach der in den USA in diesem Jahr im monatlichen Durchschnitt mehr als 100 000 Jobs gestrichen wurden. Als sich die US-Wirtschaft Anfang der Neunzigerjahre aus der letzten Rezession arbeitete, lag der er Durchschnittswert bei 36 000 Entlassungen pro Monat. Was Beobachter zusätzlich verunsichert ist, dass die Kürzungen nach wie vor breit gestreut sind. Es sind nicht etwa die High-Tech-Unternehmen, sondern Firmen aller Branchen, die Personalkosten kappen. So war es zuletzt Citigroup, die erst in der vergangenen Woche 1 000 Arbeitsplätze verloren gab.

Aus dem Arbeitsmarkt und den erwartet schwachen Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt sowie den Aktivitäten im Produzierenden Gewerbe folgern manche Experten, dass die USA direkt auf dem Weg zurück in die Rezession ist. Mark Vitner, Chef-Volkswirt bei Wachovia Securities geht einen Schritt weiter. "Streng genommen ist das erst der Beginn der Rezession", sagt er.

Helfen soll die Notenbank und vor der Fed-Sitzung am Mittwoch nächster Woche werden die Stimmen lauter, die eine weitere Zinssenkung fordern. Mehrheitlich geht man mittlerweile davon aus, dass die Währungshüter die Zinsen von ihrem aktuellen 40-Jahres-Tief von 1,75 % noch einmal um 50 Basispunkte senken könnten - damit läge der Zinssatz bei 1,25 %. "Da vom Kongress keine Hilfe kommt, bleibt der Fed nichts anderes übrig als die Zinsen zurückzunehmen", meint Mark Zandi, Volkswirt von Economy.Com. Doch weist er darauf hin, dass weitere Senkung längst nicht den marktstützenden Effekt haben dürften, den die elf Kürzungen im vergangenen Jahr mit sich brachten. Die hatten maßgeblich zur Kapitalfreisetzung und massiven Investitionen in Aktien geführt.

Was in den nächsten Jahren von Unternehmensseite kommt, dürften Anleger nur im Vorbeigehen beachten. Den Schlüssel zu weiteren Kursgewinnen hat die Fed, die auf konjunkturelle Veränderungen in der kommenden Woche reagieren oder eben nicht reagieren kann. Am Donnerstag und Freitag werden die Karten gemischt, am Mittwoch wird die Partie um die US-Märkte gespielt, und vorher wird man auf Quartalszahlen und ähnlich kleine Subjektiv-Indikatoren nicht hören.

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