Kolumne
Netzgeplauder

Sobald menschliches Verhalten sich auf neuen Übertragungswegen zeigt, setzt das Wehklagen der Kulturpessimisten ein. Warum eigentlich?
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Ob die erste Fernübertragung menschlicher Kommunikation via Trommeln, Rauchzeichen oder durch Wild-mit-den-Armen-Winken stattfand, ist leider nicht überliefert. Auch darüber, wie das soziale Umfeld des unbekannten Telekommunikationserfinders auf dessen Innovation reagierte, kann man lediglich spekulieren: "Immer dieses Getrommel", mag ein Höhlennachbar gebrummelt haben, "früher haben wir uns noch persönlich angegrunzt." Vielleicht hat auch ein steinhauendes Familienoberhaupt geklagt: "Meine Tochter rauchzeichnet ihren gesamten Tagesablauf in die Luft, und es ist ihr völlig egal, wer alles mitliest."

Es scheint ein Naturgesetz zu sein: Kaum schafft ein neues Kommunikations- oder Publikationsmedium den Sprung aus der Vorstellungs- in die Kohlenstoffwelt, ertönen prompt die Choräle der vereinten Pessimisten, die lautstark und in Moll den drohenden Kulturverfall bejammern. Interessant, dass ausgerechnet die Druckerschwärze-Branche am energischsten auf die aufkeimende Netzkultur eindrischt.

Momentan pusten die Innovationsverächter ihre heiße Luft gerne in Richtung Microblogging. Dienste wie Twitter.com erlauben es, Informationspartikel von höchstens 140 Zeichen Länge in die Welt zu entlassen, wo sie sich via Web, Instant Messenger oder SMS ihren Weg zum Empfänger suchen. So was kann doch nur trivial, banal, im besten Falle überflüssig und im schlimmsten Falle schädlich sein, oder?

Twitter-Mitgründer Biz Stone kennt diese schwarzmalerischen Vorwürfe und kontert: "Als der Telegraf erfunden wurde, gab es wahrscheinlich auch Leute, die sagten: 'Wenn diese Worte es wert sind, gesendet zu werden, dann sende sie mit einem Pferd!" All diese scheinbar unwichtigen Kurzmitteilungen ergäben durchaus einen Sinn, wenn man sie im sozialen Kontext von Sender und Empfänger betrachte.

Zwischenmenschliche Kommunikation ist eben in den allermeisten Fällen erschreckend trivial. Ob in der Kneipe, in der Kantine oder auf Partys: Wir füllen einen beträchtlichen Teil unseres Lebens mit dem Austausch von Belanglosigkeiten. All die schnell vergessenen Plaudereien über unsere Alltagswelt geben uns nun mal ein kuscheliges, wohliges Gefühl.

Die Füllung eines Twitter-Feeds oder eines persönlichen Blogs isoliert zu betrachten, ist also in etwa so sinnvoll, wie ein Pausengespräch am Kaffeeautomaten wörtlich zu transkribieren und danach semantisch zu kritisieren. Dass Plaudereien nun auch auf völlig neuen Kanälen stattfindet, bedeutet lediglich, dass Menschen menschlich bleiben, auch im "Zeitalter der Digitalmoderne". Kein Grund zur Sorge also und: die Moll-Chöre ein wenig leiser, bitte!

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