Kolumne
Offshore-Windenergie an Land bringen

"Offshore-Windenergie - eine Option für die Zukunft?" - mit eindeutiger Zustimmung reagierte am 17. April 2002 das Bundeskabinett auf die Große Anfrage der Fraktion CDU/CSU.

Die Bundesregierung unterstreicht die große Bedeutung, die der Nutzung des Offshore-Windpotenzials zukommt, um eine Verdopplung des Anteils erneuerbarer Energien am Stromverbrauch bis 2010 zu erreichen.

Der Ertrag an elektrischer Energie kann bei gleicher Windturbinengröße auf dem Meer um ca. 50% größer sein als an einem guten Küstenstandort - und sogar mehr als doppelt so groß wie bei einem Binnenlandstandort. Ein Akzeptanzproblem bei der Bevölkerung ist eher unwahrscheinlich, sofern die Windturbinen vom Festland aus nicht mehr zu sehen sind und die Kabeltrassen ökologisch vertretbar geführt werden . Hier geht es um den Konflikt zweier gleichwertiger ökologischer Ziele: Die Nutzbarmachung der erneuerbaren Energiequelle Wind und der Schutz des wertvollen Ökosystems Nord-/Ostsee und Wattenmeer. Ein Konzept, das hier auf einem politischen Konsens aufbaut, wird u. a. folgende Fragen beantworten müssen:

Welche Energiemengen sollen in welchen zeitlichen Stufen offshore erzeugt werden?

Die Realisierung ist abhängig von der rechtzeitigen Verfügbarkeit offshore-geeigneter Windturbinen und Umformstationen sowie Kabeltechnologien für die Energieübertragung. Diese existieren in z. T. kleineren Onshore-Versionen mit Betriebsbewährung. Für einen echten Offshore-Einsatz aber müssen noch Betriebserfahrungen mit Pilotanlagen gesammelt und ausgewertet werden.

Zur Zeit liegen über 30 Anträge zur Errichtung von Offshore-Windparks mit mehr als 20.000 MW bei der dafür zuständigen Behörde, dem BSH (Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie) vor. Es ist unrealistisch anzunehmen, dass bis Ende 2010 davon mehr als 2.000 bis 3.000 MW installiert sein werden.

Wie viele Einspeisestellen sind bei der gewählten Energiemenge erforderlich?

Die Stabilität des westeuropäischen Verbundnetzes, das von Portugal bis Polen reicht, erfordert zwingend, dass in keinem einzigen Punkt des Netzes mehr als 3.000 MW Erzeugerleistung eingespeist werden. Diese Regel der UCTE ( Union for the Coordination of Transmission of Electricity ) macht es unumgänglich, dass eine entsprechende Anzahl Anlandungsstellen vorgesehen wird.

Über welche Kabeltrassen kann der erzeugte Strom an Land gebracht und in das vorhandene Übertragungsnetz eingespeist werden?

Der Strom muss an der Küste von Nord- und Ostsee an mindestens 3-4 Stellen über Kabeltrassen an Land geführt werden. Ob hierzu z. B. der Naturpark Wattenmeer durchquert werden muss oder ob Schifffahrtsrouten mitbenutzt werden können, wird sorgfältig geprüft werden müssen.

Kann man mehrere Windparks über ein gemeinsames Kabel oder über ein Netz mit wenigen Anlandungspunkten entsorgen ?

Das Problem ist, dass bei den Techniken, die heute zur Verfügung stehen, selbst die größten Drehstromkabel bei den gegebenen Längen nur ca. 200 bis 300 MW Leistung abführen können. Auch die Gleichstrom-Übertragung kann nur max. 600 MW abführen. So wird eine Zusammenfassung mehrerer Windparks in einem Kabel in der Mehrzahl der Fälle nicht möglich sein. Noch weniger realistisch ist die Nutzung eines Maschen-Netzes, um einen Teil der Kabel einzusparen.

Welche Konsequenzen haben die Kabelwege für die technische Lösung der Netzanbindung und die Wirtschaftlichkeit?

Um die Netzanbindungen möglichst naturschonend zu errichten, müssen alle Kabel auf einige wenige, aber große Kabeltrassen gezwungen werden. Da diese Kabeltrassen automatisch länger sein werden als die kürzestmöglichen Punkt-zu-Punkt-Verbindungen, wird sich die Frage nach einem angemessenen wirtschaftlichen Ausgleich stellen.

Daher erscheint es sinnvoll, über ein Konzept nachzudenken, das eine Ausdehnung des Festland-Übertragungsnetzes bis in den Bereich der Offshore-Windparks vorsieht. Dies bedeutet, dass die Netzbetreiber die Investitionen in das Offshore-Strahlennetz vorlegen müssten und die Kosten dann in einem geeigneten Umlageverfahren - z. B. analog zu §11 EEG - auf alle Energienutzer zu verteilen wären.

Kann das dahinterliegende Übertragungsnetz die entsprechenden Energiemengen an die Energie-Verbrauchszentren weiterleiten, die zum Teil mehrere hundert Kilometer von der Küste entfernt liegen?

Die heute existierenden Hochspannungsnetze sind großenteils ausgelastet und können diese Aufgabe mit Sicherheit nicht erfüllen. Für den Zeitraum von 2010 bis 2020 müssten nach heutiger Planung weitere vorgesehene Leistungen über Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungen (HGÜ) in die Ballungs- und Verbrauchszentren an Rhein-Ruhr und Rhein-Main transportiert und dort in das Verbundnetz eingespeist werden, wozu diese Transportkapazitäten in die Mitte und den Süden Deutschlands gleichzeitig deutlich ausgebaut werden müssten.

Wie werden die Kosten der notwendigen Verbesserungen der Infrastruktur finanziert und gerecht verteilt?

Es versteht sich von selbst, dass hierzu die bereits bestehenden Regelungen über Einspeisevergütungen für Offshore-Wind nach dem EEG modifiziert und verlängert werden müssen. Genauso wird es erforderlich sein, Regeln für die Verteilung der notwendigen Infrastruktur-Investitionen zu schaffen. §11 des Erneuerbare Energien Gesetzes bietet bereits einen Lösungsansatz für die gleichmäßige Verteilungsmöglichkeit der zu erwartenden Investitionen auf die Gesamtheit der privaten und industriellen Stromverbraucher.

Erst wenn diese genannten Fragen wenigstens grundsätzlich beantwortet sind und ein energiepolitische Offshore-Gesamtkonzept beschlossen ist, sind die Voraussetzungen für Planungssicherheit und damit für die Finanzierbarkeit solcher Anlagen über den Kapitalmarkt geschaffen. Die Zeit drängt!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%