Kolumne: Ordnungspolitik im Handelsblatt
Mehr Freiheit für mehr Bildung

Der Konservativismus unseres Wissenschaftssystems schmälert langfristig auch unsere wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.

Vor zwei Jahren noch forschte Klaus Rajewski, ein nobelpreisverdächtiger Immunologe, an der Universität Köln. An seinem 65. Geburtstag aber zwang ihn das deutsche Beamtenrecht, den Hut zu nehmen - obwohl er immer noch hochproduktiv war und fast monatlich mit Veröffentlichungen in renommierten Fachzeitschriften aufwarten konnte. Heute arbeitet er an der Universität Harvard, die ihm bereitwillig einen Lehrstuhl auf Lebenszeit angeboten hat.

Die Erfahrung des Kölner Spitzenforschers mit der deutschen Bürokratie stellt leider keinen Einzelfall dar. Unser Hochschul- und Wissenschaftssystem ist im Wettstreit um die besten Köpfe der Welt im internationalen Vergleich schon längst kein Anwärter mehr auf das "gelbe Trikot". Es mangelt ihm gegenüber den USA, Großbritannien oder der Schweiz an mindestens zwei Grundvoraussetzungen:

  1. An attraktiven Bedingungen für einen anspruchsvollen, selbstbestimmten und kreativen Karriereverlauf und das entsprechend freie und eigenbestimmte Umfeld von Spitzenkräften in Wissenschaft und Forschung

  2. An einer Innovationsfähigkeit des Systems, gerade in den Spitzenbereichen wie Gentechnologie, Mikrosystemtechnik, Neue Materialien oder Software. Der Konservativismus unseres Wissenschaftssystems beim Aufgreifen neuer Themen, Paradigmen und Anwendungsfelder schmälert langfristig auch unsere wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.

Schuld sind einerseits strukturelle Defizite: etwa die staatliche Monopol-Bürokratie der Wissenschaftsministerien, die Überregulierung von Karriereverläufen, Zeit raubende administrative Tätigkeiten und die mangelnde Internationalität an deutschen Hochschulen.

Vor allem aber mangelt es an der richtigen Priorisierung: Um in der wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft wettbewerbsfähig zu sein und unseren Wohlstand zu sichern und auszubauen, benötigen wir Investitionen in Wissen. Dafür Geld in die Hand zu nehmen, sind wir jedoch zu wenig bereit.

Die "Wissensausgaben", definiert von der OECD als Ausgaben für Forschung und Entwicklung, Software und tertiäre Bildung, betragen hier zu Lande lediglich 4,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gegenüber 6,1 Prozent des BIP in den USA und 6,4 Prozent in Schweden. Langfristig betrachtet, geht das Wachstum unserer Ausgaben für Forschung und Entwicklung sogar deutlich zurück, und nur ein massiver Protest von DFG, Max-Planck-Instituten, Fraunhofer Gesellschaft - und Co. konnte die geplante Nullrunde bei der staatlichen Forschungsförderung in 2003 verhindern.

Die immer geringere Allokation unserer Mittel auf Bildung, Forschung und Entwicklung führt aber in die Sackgasse: Die besten Wissenschaftler zieht es dorthin, wo sie größtmögliche Freiheit beim Forschen erfahren und ihre Kreativität stimuliert wird bei marktadäquater Bezahlung. Deutschland kann hier nicht mithalten. Daraus resultiert "brain drain", der Verlust von Know-how und Humanressourcen. So haben auch die vier deutschen Wissenschaftler, denen in den letzten Jahren ein naturwissenschaftlicher Nobelpreis verliehen wurde, nicht in Deutschland, sondern an Top-Einrichtungen in den USA reüssiert.

Viele unserer außeruniversitären Wissenschaftseinrichtungen sowie einige Universitätsfachbereiche genießen zwar einen hervorragenden Ruf und ziehen auch ausländische Forscher an. Dieser "brain gain" ist jedoch begrenzt: Nur 30 Prozent der ausländischen Forscher, so ergab eine Studie des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft, erhalten während ihres Forschungsaufenthalts in Deutschland ein weiterführendes Stellenangebot. Demgegenüber wurden 70 Prozent der deutschen Forscher während ihres Auslandsaufenthalts attraktive Forschungsprojekte oder Jobs vor Ort offeriert.

Was können wir tun, um unser Wissenschaftssystem für Deutsche wie Ausländer attraktiver zu machen? Es ist schon einiges passiert: Zum Beispiel entfällt künftig die Zeit raubende Habilitation; die Streichung der Besoldungsobergrenze ermöglicht eine bessere Bezahlung von Spitzenkräften; die Professorenvergütung orientiert sich künftig etwas mehr an Leistungskriterien; manche Hochschulen haben jetzt größeren Einfluss auf Personalentscheidungen. Eine erste Bilanz der neu eingeführten Juniorprofessur fällt zwar gemischt aus, im Prinzip jedoch gehen alle diese Maßnahmen in die richtige Richtung.

Für einen Etappensieg reichen diese Änderungen jedoch nicht aus, wie auch unsere Außenhandelsbilanz bei technologischen Dienstleistungen belegt: Noch immer geben wir Jahr für Jahr mehrere Milliarden Euro für den Import von Know-how aus. Im Jahr 2002 betrug der Saldo beim Außenhandel mit Patenten, Lizenzen und F&E minus 2,81 Milliarden Euro. Wir generieren nicht genügend Wissen.

Deshalb müssen wir unsere Prioritäten ändern: Statt den Status quo zu alimentieren, gilt es, in die Zukunft zu investieren. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung müssen erhöht werden, und zwar mindestens auf 3,3 Prozent des BIP. Alle EU-Länder haben sich verpflichtet, dieses "Lissabon-Ziel" bis zum Jahr 2010 umzusetzen - Deutschland sollte es übertreffen. Außerdem brauchen wir ein modernes und leistungsfähigeres Bildungssystem, um bei der nächsten Pisa-Studie in die Spitzengruppe aufzuschließen.

Grundsätzlich täten mehr Wettbewerb und eine größere Durchlässigkeit unseres wissenschaftlichen Systems Not. Warum etwa müssen Professoren verbeamtet werden? Auch eine noch stärker leistungsbezogene Vergütung der Lehrenden sowie intensivierte Forschungskooperationen mit ausländischen Einrichtungen könnten für frischen Wind sorgen - und Forscher, die, wie in anderen Ländern auch, problemlos zwischen Wissenschaft und Wirtschaft wechseln können.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%