Kolumne: Rush Hour
Bedeutende Meetings

Wenn es jemals einen Zweifel gegeben hat, dass die Europäische Zentralbank ihr Geschäft immer noch nicht kann, dann ist es jetzt Gewissheit: Die EZB kann ihr Geschäft nicht. Wer sonst würde kurzerhand eine reguläre Konferenz absagen, einfach so, weil es nichts Lohnendes zu besprechen gibt und weil ohnehin noch alle im Urlaub sind?
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Wenn es jemals einen Zweifel gegeben hat, dass die Europäische Zentralbank ihr Geschäft immer noch nicht kann, dann ist es jetzt Gewissheit: Die EZB kann ihr Geschäft nicht. Wer sonst würde kurzerhand eine reguläre Konferenz absagen, einfach so, weil es nichts Lohnendes zu besprechen gibt und weil ohnehin noch alle im Urlaub sind?

Es kann ja sein, dass es wirklich so ist - mancher würde sich zwar denken, dass es angesichts der konjunkturellen Lage in Europa auch für die Zentralbank eine Menge zu besprechen gäbe, aber da muss man sich ja nicht einmischen. Aber das andere Signal ist ein noch viel schlimmeres: Wenn das jeder täte, ein Meeting abzusagen, weil man nichts für die Tagesordnung findet. Junge, Junge, dann gäbe es keine Update-Meetings mehr, keine Kick-offs, keine strategische Konferenz und auch kein Jahrestreffen. Zuallererst würden natürlich die Jours fixes verschwinden. Das wäre zu schade. Denn wer was gilt in der Firma, der hat mindestens zwei Jours fixes in der Woche auf dem Zettel.

Würde all das gestrichen, würde die zaghaft erwachende Konjunktur sofort wieder zusammenbrechen: gähnende Leere in Hotels und den oberen Stockwerken von Unternehmen. Das Gewerbe der Caterer, Konferenztechniker und Flaschenkühlgerätehersteller würde eingehen. Und: Wo sollen die ganzen Schnittchen und Konferenzkekse hin, wenn niemand sie mehr mit in den Verhandlungsraum nimmt, um sie im Dunklen dem Nachbarn auf die Füße klatschen zu lassen? Tausende von Jobs wären mit einem Mal fällig, würde beobachtet, wie sich alle Konferenzbesucher gleichzeitig in den Büroetagen von Banken und Versicherungen herumdrückten.

Aber muss man deshalb in das große und beliebte Meeting-Bashing einstimmen, das Heben von Sparpotenzialen fordern oder die jährlichen Treffen mit den Auslandsbüros absagen? Bloß nicht: Gerade die Meetings, in denen alle viel sagen, aber niemand etwas zu sagen hat, sind die besten. Nur dort lässt sich zuverlässig herausfinden, wie es wirklich um die Firma steht.

Allein die Power-Point-Demonstration - ein wahrer Quell von Wahrheiten über die Firma. Nein, es zählt nicht, was auf den angebeamten Weißwänden draufsteht. Das ist doch immer gleich: "Reiseflughöhe erreicht, Besserung in Sicht, strukturelle Maßnahmen nicht auszuschließen, alle müssen mitmachen, dann wird es schon was." Das ist total unwichtig. Kenner gucken deshalb nur kurz nach unten rechts und unten links: Hat McKinsey die Präsentation begleitet? Dann wird alles gut, die Firma hat die externen Berater wieder an Bord geholt. Das Copyright liegt bei einer PR-Beratung? Schlecht, aber nicht schlimm: Der Chefsessel wackelt, aber Ihrer noch nicht. Das Ganze erinnert an eine Pfadfinder-Wandzeitung aus dem Sommerlager und ist in der Vorstandsetage selbst entstanden? Ernsthafte Sorgen sind angebracht - der Aufsichtsrat hat dem Vorstand längst das Vertrauen entzogen. Und der glaubt, noch eine letzte Chance zu haben, mit Bordmitteln die Wende zu schaffen.

Das alles würde man nicht erfahren, gäbe es keine überflüssigen Treffen. Die IG Metall weiß das besser als die Europäische Zentralbank. Die Krise der Gewerkschaft schon so gut wie erledigt? Klar, dann macht man eben statt einer geplanten Konferenz zwei geplante Konferenzen - auch wenn man sich überhaupt nichts mehr zu sagen hat. Weil es eben beruhigt, wenn man schön lange zusammengesessen und ausführlich miteinander geredet hat. Das sollte den Chefs von der EZB mal jemand sagen - bevor der Euro völlig unbemerkt und zudem völlig undiskutiert wieder unter die Dollar-Parität gerutscht ist.

Wenn Sie der Autorin schreiben wollen: weidenfeld@tagesspiegel.de

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