Kolumne: Rush Hour
Beratungstechnisch arm dran

Ein bisschen haben wir sie schon vermisst in den letzten Wochen und Monaten. Ganz ehrlich. Zuerst wurden sie ja nur weniger. Man sah sie halt nicht mehr jeden Tag, wie sie in das Zimmer des Chefs und in die Räume der Controller einfielen. Da haben wir uns noch nichts dabei gedacht. Dann aber standen ihre dunklen Leihwagen nur noch sporadisch auf dem Firmenparkplatz, und wir fingen an, uns ein bisschen Sorgen zu machen.
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Und dann waren sie eines Tages ganz verschwunden. Sie sind abgetaucht. Die Unternehmensberater und Wirtschaftsprüfer. Einfach herausgegangen aus unserer Firma. Und nie wiedergekommen.

Natürlich schafft so etwas schwere Verunsicherung in der Firma. Wenn die Berater verschwinden, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Die Firma ist gesund. Oder sie ist zu krank, um ihre Beraterrechnungen noch bezahlen zu können. Gesunde Firmen aber kommen nie ohne Berater aus. Und sie können sich immer Berater leisten. Tja, und die anderen? Die sind richtig arm dran.

Nur: Wohin sind die Berater verschwunden? Wo sind sie hin, all die netten, intelligenten jungen Männer in ihren dunklen Anzügen mit den schwarzen Piloten-Koffern? So viele gesunde Firmen gibt es nicht. Sie haben sich unsichtbar gemacht. Vermutlich haben sie sich in kühle Räume zurückgezogen, wo sie sich bei reduziertem Grundumsatz ganz lange ganz frisch halten. Dort sammeln sie sich, machen neue Erfahrungen, motzen ihre Power-Point-Präsentationen auf, erfinden neue Beratungsfelder, entwickeln neue Consulting-Theorien. Probehalber beraten sie sich gegenseitig. Und sie erzählen sich Beraterwitze. In den Witzen kommen die McKinseys immer schlecht weg. Deshalb ist Witzeerzählen zu einer der Lieblingsbeschäftigungen der Berater geworden, wenn sie nichts zu tun haben. Wenn sie nicht gerade von früher erzählen. Klar, dass dieses Vor-sich-hin-Reden auf die Dauer alle langweilig finden. Deshalb haben die Berater jetzt etwas ganz Neues erfunden. Statt in ihren kühlen Räumen zu bleiben und sich gegenseitig zu beraten oder Witze zu erzählen oder von früher zu erzählen, gehen sie wieder heraus. Und beraten andere. Für lau. Damit sie in Übung bleiben.

Und so sieht man nun die schwarzen Pilotenkoffer, wie sie in Schulen verschwinden. Man sieht dunkle Anzüge, die Hundekäfige und Mitarbeiter in städtischen Tierheimen zählen. Man sieht entschlossene, kantige Mienen, die an den Chefzimmern von Bischöfen klopfen und an den Stühlen von Generalvikaren sägen. Berater stromern neuerdings durch die Ministerien und sagen, dass Politikberatung ganz wichtig geworden ist für sie. Und für die Politik natürlich auch. Weil die doch immer noch so unprofessionell ist. Die Arbeitsmarktpolitik zum Beispiel, was wäre die ohne Unternehmensberater? Es gäbe vermutlich keine Job-Rucksäcke und keine Personal-Service-Agenturen. Die Bundesanstalt für Arbeit hätte immer noch mufflige Sachbearbeiter und genervte Anspruchsberechtigte statt Service-Teams, die sich endlich um ihre Kundenbeziehungen kümmern. Berater kümmern sich um die Rentenversicherung, die Wirtschaftsförderung, die Qualität der Schulen. Um die Verfassung der Universitäten, um das Hundekotmanagement im Tierasyl, um das Devotionaliengeschäft bei Kirchentagen.

Wir ahnen es: Sie werden nicht ruhen und rasten, die Berater. Bis auch die dunkelsten Nischen im Land erhellt sind. Erst wenn auch Bischöfe und Tierfreunde, Minister und Studenten Dunkel tragen und ihr Wissen in Pilotenkoffern herumtragen, erst dann ist die Welt beratungstechnisch zivilisiert. Und dann ist sie entweder gesund. Oder ganz arm dran.

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