Kolumne: Rush Hour
Danke, Herr Präsident!

Der Bundespräsident hat verdienstvollerweise darauf hingewiesen, dass die Mönchskutte der katholischen Ordensbrüder genauso wie das Kopftuch muslimischer Frauen eine öffentliche Bezeugung des Glaubens darstellt. Deshalb müssten Kopftuch und Kutte gleich behandelt werden. Der Präsident hat Recht. Nur, dass er die Sache leider, leider nicht bis zum Ende denkt.

Der Bundespräsident hat verdienstvollerweise darauf hingewiesen, dass die Mönchskutte der katholischen Ordensbrüder genauso wie das Kopftuch muslimischer Frauen eine öffentliche Bezeugung des Glaubens darstellt. Eine Bezeugung, die andere in der Ausübung ihres Glaubens und ihrer Bezeugungen möglicherweise beeinträchtigen könnte. Deshalb, meint der Präsident, müssten Kopftuch und Kutte gleich behandelt werden.

Der Präsident hat Recht. Nur, dass er die Sache leider, leider nicht bis zum Ende denkt. Dann hätten wir zum neuen Jahr vermutlich weitreichende Gedanken zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenleben vernehmen dürfen, anstatt nur Diskussionsstoff rund um Deutschlands Klassenzimmer zu bekommen. Nun hat der Bundespräsident sicher nicht das ganze Land im Blick. Und vermutlich macht er sich deshalb auch nicht über alle Beeinträchtigungen Gedanken, die mit einer bestimmten Art, sich zu kleiden, einhergehen. Beeinträchtigungen, was den Glauben angeht. Aber auch Beeinträchtigungen, die Nichtgläubige treffen. Allgemeine Diskriminierungen. In der Firma zum Beispiel.

Zu unserem Entsetzen, Herr Präsident, entdecken wir, einmal für das Thema sensibilisiert, überall Diskriminierungen und Beeinträchtigungen, die durch ein paar Fetzen Stoff ausgeübt werden. Wohin wir nur blicken: Es wird diskriminiert, beeinträchtigt, behindert und unterdrückt. Nur durch die Kleidung. Nur durch die Kleidung!

Linde-Chef Wolfgang Reitzle, der Chef aller Gabelstaplerfahrer zum Beispiel. Wie müssen sich diese armen Menschen mit ihren blauen und grünen Latzhosen auf ihren Gabelstaplern fühlen, wenn der Hersteller ihres Stapelgeräts mit italienisch geschneiderten Dreiteilern, seidenen Krawatten und einem Oberlippenbart grüßt, als sei er an einer Aufführung des "Tod in Venedig" beteiligt? Oder die Lieferanten, die Metro-Chef Hans-Joachim Körber begegnen. Und dabei entdecken müssen, dass der Mann seine Hemden am Hals mit Stäbchen aus schierem Stahl zusammenhält: So ähnlich müssen sich Weiße im afrikanischen Regenwald gefühlt haben, wenn ihnen der Kannibalen-Häuptling mit der Knochenkette der bereits verspeisten Opfer um den Hals entgegengetreten ist. Ausgeliefert. Unterdrückt. Diskriminiert. Und irgendwie wehrlos.

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