Kolumne: Rush Hour
Der Bi-Ba-Butzemann

Der Bundesverband der Deutschen Industrie hatte zum Wochenstart wieder einmal zum Kongress geladen. Und alle, alle, die da gekommen waren, waren gespannt wie Flitzebogen ...

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hatte zum Wochenstart wieder einmal zum Kongress geladen. Und alle, alle, die da gekommen waren, waren gespannt wie Flitzebogen, was diesmal geboten werden würde. Klar, der übliche Reformschmus. Und die üblichen Networking- Workshops auch. Wahrscheinlich auch das übliche Dinner.

Aber was noch? Beim letzten Mal gab es zum Abschied Knetgummi für die Manager und Unternehmer. Damit die Chefs lernen, sich kreativ abzureagieren, und nicht mehr so herumbrüllen müssen, hieß es, als die Blechschachteln mit der umweltverträglichen Masse verteilt wurden. Damit sie nicht vergessen, mit welch einfachen Mitteln sich auch die Mitarbeiter motivieren lassen, wenn man mal drüber nachdenkt. Und damit sie selbst sich an einem lustigen Knetwettbewerb beteiligen konnten: Wer die hübschesten Figuren zurückschickte, sollte einen Preis bekommen. Damals waren alle schon schwer begeistert vom Einfallsreichtum des Spitzenverbandes.

Was also diesmal? Die einen vermuteten im Vorfeld, dass man auf dem Höhepunkt des BDI-Reformkongresses vielleicht zusammen mit dem Rekordbergsteiger Reinhold Messner eine Seilschaft für den Wandel formieren dürfte. Die anderen hofften, man werde sich in einem ökologisch gefertigten, delfinfreundlichen Treibnetz wiederfinden, um Netzwerke für den sozialpolitischen Neuanfang zu knüpfen.

Dritte sahen schließlich vor ihrem inneren Auge schon lederbeschürzte Schmiede aus den Freilichtmuseen des Landes herbeieilen, die mit Hammer und Amboss einen neuen Pakt für Marktwirtschaft und neoliberales Tun hämmern könnten.

Sie alle haben sich geirrt. Sie bekamen einen Streichelzoo. Drei Adler zum Anfassen - sie wurden extra aus einem Wildgehege in der Eifel herbeigeschafft, damit sie auf dem Arm des BDI-Präsidenten Platz nehmen konnten. Na gut, die Biester waren zwar keine waschechten Bundesadler, sondern europäische Weißkopfseeadler, aber immerhin: Die versammelten Bosse der Nation durften sie ganz aus der Nähe angucken - wie es aussieht, wenn Deutschland freigelassen wird. Es segelt ein bisschen herum und landet dann doch zuverlässig in den Armen irgendeines Verbandes.

Es kam aber noch bunter. Am Abend wurden die Vorstufen zum Kartoffeldruck aufgeführt. Alle Reformkräfte des Landes tauchten ihre Hände in schwarze Tinte und drückten sie dann auf ein Papier. Die Technik kennt jedes Kind von seiner ersten selbst gemachten Muttertagskarte.

Und nun? Zittern wir den nächsten BDI-Treffen entgegen: Wird es unter dem Motto "Nur auf Sand gebaut" zu Treffen in der Buddelkiste kommen, um die Vergeblichkeit des Wirtschaftens in Deutschland anzuprangern? Versammelt man sich pünktlich zum nächsten Abschwung auf der Monsterrutsche des Phantasialands? Oder gönnen sich die Chefs zum Thema "Die WTO und Gerechtigkeit im Welthandel" ein öffentliches Negerkuss-Wettessen?

Egal. Angesichts der offenkundigen Rehabilitierung kindlicher Verhaltensweisen im Geschäfts- und Gesellschaftsleben empfiehlt sich für jeden, der nach oben will, ein Zwischenstopp im Kinderzimmer. Zur Weiterbildung. Nehmen Sie dem Kind sein Spielzeug weg, und machen Sie Puzzles mit deutlich weniger als fünfzig Teilen, um Ihren komplexen Berufsalltag künftig bewältigen zu können. Studieren Sie den Tanz des Bi-Ba-Butzemanns für das nächste Personalentwicklungsgespräch mit Ihrem Chef ein.

Und: Üben Sie die Reise nach Jerusalem, damit Sie die nächste Teamsitzung überleben.

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