Kolumne Rush Hour
Der Dicke im rosa Trikot

Urlaub 2003. Die schwierigste Zeit des Jahres. Egal, wie gut es ihnen geht, persönlich, den Chefs und Abteilungsleitern, den Controllern und Sanierern, den Beratern und Abwicklern, die den Laden seit kurzem voll und ganz im Griff haben:
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Urlaub 2003. Die schwierigste Zeit des Jahres. Egal, wie gut es ihnen geht, persönlich, den Chefs und Abteilungsleitern, den Controllern und Sanierern, den Beratern und Abwicklern, die den Laden seit kurzem voll und ganz im Griff haben: Der Urlaub 2003 wird auch bei ihnen ein bisschen sparsamer ausfallen müssen als sonst. Rezession, Sie verstehen.

Sieht irgendwie nicht gut aus, Urlaub in der Karibik mit einer 24-Stunden-Komfort-Kinderbetreuung, wenn die Firma den Bach runtergeht. Fernreise nach Asien, wenn die Hälfte der Belegschaft zum Arbeitsamt um die Ecke geschickt wird. Golfen in Schottland, wenn ein Dauertief mit Orkanböen über dem Konzern lastet.

Schade eigentlich. Denn gerade jetzt, denken sich die Chefs an ihrem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub mit der Familie, gerade jetzt wäre Erholung dringender denn je. Einmal richtig ausspannen. Ohne Telefon. Die Familie in den Händen von Kindermädchen, Animateuren, Trainern und Tauchlehrern, aufs Angenehmste beschäftigt. Zufrieden, alles vergessen. Keine Fact Sheets aus der Zentrale, keine Anrufe von der Assistentin.

Das Elend daheim in schierem Luxus ersäufen. Das wär?s! Aber gerade jetzt . . . Einfach schade, das.

Die Alternativen sind mehr als ernüchternd: Aktivurlaub auf Mallorca, nur im einsamen Norden natürlich und nur zum Radfahren? Geht nicht. Gerade im Norden beim Radfahren trifft man immer all die Gestalten, die man soeben gefeuert hat. Die sind gerade mit dem Bus unterwegs, auf der Suche nach sich selbst. Mustern einen aus den Augenwinkeln, stupsen die rothäutige Gattin an. Der da, der Dicke in dem pinkfarbenen Trikot auf dem Rennrad, der so schwitzt. Der ist es, murmeln sie. Und sie fragen sich laut, wie der Dicke dazu kommt, ihnen, ausgerechnet ihnen, den Stuhl vor die Tür zu setzen. Will man das? Nein, danke.

Ist Urlaub in Deutschland besser? Das heißt, jeden Tag in der Zeitung zu lesen, dass es dem Laden immer noch nicht besser geht. Plus: Die Eltern der Mallorca-Rothäute stromern in orthopädischem Schuhwerk genau auf den Wanderwegen herum, wo die besten Wellness-Hotels und Golfplätze liegen. Mustern einen kopfschüttelnd und üben sich im beiläufigen Diese-Flasche-da-hat-den-Günter-gefeuert-Mosern. Da bleibt man lieber zu Hause und geht ins Büro.

Also die Alpen. Auf die Berge. Ein Ziel vor Augen, die einsame Eiswüste vor sich, die dünne Luft, die Familie im sicheren Tal zurückgelassen: das ist Urlaub, wie er in der Rezession angemessen ist: Leistungsbereitschaft, Herausforderung, Abenteuer. Aber auch sehr, sehr anstrengend. Und was, wenn es nicht klappt. Wenn die Bergkameraden einen auf dem Rückweg stützen müssen. Das spricht sich herum. Absolut tödlich, wenn in der Firma saniert wird.

Was bleibt, ist Osteuropa. Sorry, aber es muss sein, die Neugier des aufgeklärten Westeuropäers treibt Sie dahin. Kein Urlaub, natürlich nicht, das ist eine Bildungsreise. Polen, völlig zu Unrecht ein weißer Fleck im Manager-Ferienkatalog, sagen die Chefberater. Ungarn, Tschechien, die Slowakei: Da muss man mal gewesen sein, das sind die Kerngebiete der europäischen Geschichte, appellieren die Finanzchefs.

Zugegeben, das ist hart. Aber es gibt einen Ausweg. Das Baltikum. Von dort aus lässt sich prima - und von allen Neidern unbehelligt - eine komfortable Ostseekreuzfahrt starten. Slowenien. Wenn man sich beeilt, schafft man es von da an einem Tag in die Toskana. Selbst Albanien hat annehmbare Häfen zum Entern einer Yacht.

Das interessanteste Urlaubserlebnis? Kaufen Sie sich halt ein Buch über Osteuropa.

Wenn Sie der Autorin schreiben wollen: weidenfeld@tagesspiegel.de

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