Kolumne Rush-Hour
Der Suff hilft

Nachdem uns im vergangenen Jahr ein kanadischer Forscher mit der Erkenntnis überrascht hat, dass regelmäßiges Trinken im Kollegenkreis die Karriere fördert, sind es in diesem Jahr schottische Wissenschaftler, die diese überraschende Erkenntnis bestätigen.

Nachdem uns im vergangenen Jahr ein kanadischer Forscher mit der Erkenntnis überrascht hat, dass regelmäßiges Trinken im Kollegenkreis die Karriere fördert, sind es in diesem Jahr schottische Wissenschaftler, die diese überraschende Erkenntnis bestätigen: regelmäßige Trinker sind im Beruf erfolgreicher als Abstinenzler.

Leider ist die Empirie in beiden Fällen nicht so weit gediehen, die Angelegenheit auch für Deutschland zu klären. Auch fehlen Hinweise darauf, wann mit dem karriereförderlichen Trinken begonnen werden sollte, und in welchen Phasen der beruflichen Entwicklung es sich wirklich auszahlt. Trotzdem: Plausibel sind sie allemal, die Studien. Und irgendwie auch, tja, erfreulich.

Erstens gibt es nichts Freudloseres als tugendhafte Kollegen, die weder rauchen noch trinken, noch sonstige schlechte Angewohnheiten haben. Man möchte sie nicht im Team haben. Erst recht möchte man sie nicht zum Chef haben. Dazu kommt, dass Chefs lieber Nachwuchschefs fördern, die so sind wie sie. Müller kann fünf gerade sein lassen, denken sie sich. Und ist trotzdem jeden Morgen pünktlich im Büro. Gut, der Mann. Hat Steherqualitäten. Respekt.

Natürlich weiß man auch, dass Nichttrinker und Nichtraucher humorlos sind. Das ist noch schlimmer als alles andere. Keinen Humor, keinen Spaß, keine Freude. Penetrant, belesen, und korrekt laufen sie durch die Firma, belehren die Kollegen, missionieren die Untergebenen. So einer kann Controller werden. Aber Chef? Niemals.

Denn: Das entscheidende Karrierehemmnis für die Abstinenzler ist nicht, dass sie unlustig sind. Es ist, dass sie unkreativ sind. Wenn es beispielsweise beim Daimler so richtig ernst wird im engeren Führungszirkel von Jürgen Schrempp, dann werden weiße Blätter verteilt. Und Weingläser. Auf den weißen Blättern üben die Daimler-Chrysler - Führungsleute dann das "radikal neu denken". Und der Wein ist dazu da, dass sie die Angst davor verlieren. Klar: Wer hier Wasser ordert, stört den kreativen Fluss. Oder: Bundeswirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement sagt, den erfolgreichen Biertrinker erkenne man daran, dass er sein Gaumenzäpfchen zurückklappen und vermittels dieser Technik ein Pils in einer Sekunde den Hals herunterstürzen kann. Ohne jahrelanges Training geht da nichts.

Hier fängt aber auch schon die Schwierigkeit an: Wann darf man zugeben, dass man den Trick mit dem Gaumenzäpfchen auch kann? Ist es immer klug, sich als Weinliebhaber und-kenner zu bekennen. Muss man auch mit Untergebenen, womöglich sogar Teamkollegen, regelmäßig einen heben, oder reicht der Pokal, den man mit dem Chef leert? Wer darf den teuersten Wein mögen - der Entwicklungschef, der CEO oder der Chef des Aufsichtsrats?

Fragen über Fragen, die bisher unbeantwortet in der Grauzone zwischen betrieblicher Suchtprävention und der Organisation der Weihnachtsfeier herumgeisterten.

Dabei ist es natürlich nicht das Trinken an sich, sondern das Verhalten des Trinkenden, das entscheidet, ob es der Karriere nützt oder unweigerlich in den Abgrund führt: Besser trinken als der Chef - schlecht. Betrunken frech werden - verheerend. Kreatives Trinken - maximal zwei Gläser (und kompromittieren Sie sich bloß nicht, indem Sie anschließend mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren). Und das sind nur die Anfänge des Erfolgreich-trinken-Kodexes, den Management-Berater uns todsicher in den nächsten Jahren überreichen werden.

Bis dahin? Das Sicherste ist, Sie tun nur so, als ob Sie zu geselligem Trinken fähig sind, bis die wissenschaftlichen Ergebnisse präzisiert wurden. Und bleiben heimlich hübsch trocken, bis es verlässliche Handlungsanweisungen gibt. Dann kann nichts schief gehen.

Ursula Weidenfeld leitet das Wirtschaftsressort des "Tagesspiegels". Wenn Sie der Autorin schreiben wollen: weidenfeld@tagesspiegel.de

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