Kolumne: Rush Hour
Die neuen Feinde

Zugegeben, es ist schon ein bisschen viel geworden in der letzten Zeit. Schwitzend und sinnend steht er da am Fenster, der Chef vom Ganzen und – ist leer. Gähnende Ödnis. Keine Wut mehr. Kein Zorn. Nirgends. Wohin der Kanzler blickt: Alles entwickelt sich in seinem Sinn.
  • 0

Zugegeben, es ist schon ein bisschen viel geworden in der letzten Zeit. Schwitzend und sinnend steht er da am Fenster, der Chef vom Ganzen und - ist leer. Gähnende Ödnis. Keine Wut mehr. Kein Zorn. Nirgends. Wohin er blickt: Alles entwickelt sich in seinem Sinn.

Gerade noch über den Kanzler räsoniert, den Porzellanverkäufer, der nichts kann. Da gebärdet sich der Mann so, als hätte man ihn gewählt. Macht Reformen. Senkt die Steuern. Entfesselt den Arbeitsmarkt. Guckt ihm treuherzig in die Augen und wispert: "Pst. Ich bin doch einer von euch. Glaube mir."

Soeben noch ließ sich "der Germanist", Finanzminister Hans Eichel, bespotten, da zieht der die Steuerreform vor und finanziert sie auch noch auf Pump: Das nutzt den Absatzzahlen! Die Rezession, da geht sie hin. Ohne dass er selbst auch nur einen einzigen Finger hätte dafür rühren müssen.

Verdutzt reibt sich der Chef noch die Augen, da knistert und raschelt es hinter ihm. "Ein Geschenk", denkt er sich, dreht sich um, und siehe da: IG Metall und Mitbestimmung rutschen leise weinend die Wand herunter und sinken in gnädige Ohnmacht. "Ein Traum, das muss ein Traum sein", holt sich der Chef in die Realität zurück, und siehe da: Der Traum ist die Realität.

In atemberaubendem Tempo verabschieden sich die Feindbilder: Beamtenprivilegien? Seit das Weihnachtsgeld gestrichen und die Arbeitszeit verlängert wurde, sind die ganz schön arm dran, die Lehrerinnen, sagt der Chef zur Gattin, die gerade Schulferien bekommen hat. Muss man schon sagen, ganz schön arm dran.

Die Bahn? Bereut das neue Preissystem und gibt die schöne alte Bahncard First zurück. Haben das unbeliebteste deutsche Unternehmen und sein explosiver Chef nicht allein dafür eine neue Chance verdient? Die Telekom? Die Aktie steigt wieder, der neue Chef Kai-Uwe Ricke ruft "Bescheidenheit, Ehrgeiz, Loyalität und Kundennähe" zum Firmenziel aus. Darf man ein solches Unternehmen immer noch hassen?

Blaumacher bei den Arbeitnehmern? Nicht einmal vier Tage im Halbjahr lohnen die Aufregung nun wirklich nicht. Wo sind die Gerechtigkeit-hat-immer-Konjunktur-Linken, die Herz-Jesu-Marxisten, die Gutmenschen und Sozialpapiere-Schreiber geblieben? Fort, einfach alle fort, zerfallen zu Staub. Nichts, aber auch gar nichts bleibt übrig, was sich in Ruhe mobben, verabscheuen, herabwürdigen ließe.

Und jetzt? "Wie glücklich könnte ich sein", sinniert der Chef. Es ist Sommer, der Feind ist weg, das Unternehmen stabilisiert. Aber er ist nicht glücklich. Im Gegenteil.

Er ist leer. Und fängt an, sich zu ärgern. Wie ekelhaft Menschen sein können, die versuchen, alles richtig zu machen. Wenn man sich das schon anguckt. Widerlich einfach. Wie die Jungs in meinem Controlling-Team, denkt er sich. Kleinkariert, aufrichtig, gottesfürchtig. Spaßfrei. Gerecht.

Der Chef fühlt, wie eine neue Wutwelle ihn anwallt. Energisch schreitet er zur Tat. Bestellt den Chefcontroller ein. Sparen kann nicht immer alles sein, donnert er. So kommen wir nicht voran. Werden Sie endlich kreativ! Winkt ungeduldig ab, als der Chefsparer sich schmallippig rechtfertigt. Setzt ihn auf die rote Liste. Ärgert sich.

Nach und nach wird ihm wohler. Und am Abend, als er nach Hause fährt, hat er schon fast vergessen, dass er jetzt kein Feindbild mehr hat. Den Feind, so denkt er sich, den mache ich mir jetzt selbst. Jeden Tag einen neuen.

Wenn Sie der Autorin schreiben wollen: weidenfeld@tagesspiegel.de

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%