Kolumne: Rush Hour
Korrekt, klug und kleinkariert

Immer dann, wenn die Frankfurter Buchmesse naht, lässt sich erahnen, womit die Firma ihre Besten zu Weihnachten beglücken wird: mit Managementliteratur, ...
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Immer dann, wenn die Frankfurter Buchmesse naht, lässt sich erahnen, womit die Firma ihre Besten zu Weihnachten beglücken wird: mit Managementliteratur, Richtig-führen-aber-wie-Ratgebern, Porträts berühmter Unternehmenslenker, Sammelbänden zu Motivation und Selbstfindung, Wertschöpfungsketten und innovativem Kundenmanagement.

Und immer im Herbst eines Jahres erkennt der Experte ziemlich genau, welcher Manager-Typ im nächsten Jahr gefragt sein wird. Denn die lieferbaren Titel zeigen zuverlässig an, an welchem Punkt der Schweine-Zyklus in Sachen Managertyp gerade ist.

In 2004 erwarten wir den ehrgeizigen, bescheidenen, kostenorientierten, ein bisschen düsteren, aber dennoch ambitionierten Manager. Unbedingt in Manschettenknöpfen-Hemden und einreihigen grauen Anzügen, die aber nicht mehr als drei Knöpfe haben. Korrekt, klug, und kleinkariert, weil die Krise immer noch nicht vorbei ist.

Mit Dank verabschieden wir den Manager des Jahres 2003, der quasi derselbe Typus ist, aber ein bisschen älter und ein wenig unambitionierter. Und wir verdammen den Manager des Jahres 2002, 2001 - und 2000: den raffgierigen unbescheidenen Egomanen mit Haifischgebiss im Mund und Haifischkragen am Hemd und ganz dicken, ganz goldenen Uhren.

Ist es aber überhaupt attraktiv, Chef werden zu wollen, wenn man den Chef nicht mehr raushängen darf?

Nein, das ist es nicht. Wer will schon rackern wie ein Verrückter - dafür, dass er dann doch die Sorte Anzüge auftragen soll, die schon dem eigenen Vater nicht gestanden haben? Oder Tag und Nacht an die Firma denken, wenn dabei nicht einmal eine hübsche, protzige Uhr oder wenigstens die Aussicht auf eine neue Gemahlin herumkommt? Keine goldene Uhr kann man schließlich auch im mittleren Management haben.

Sollte man die Bücher deshalb gleich in die Tonne treten und den Wunsch nach einer großen Karriere begraben? Bloß nicht. Schließlich ändern sich die Zeiten. Irgendwann mal wieder.

Zum Beispiel "Das herrschende Geschlecht" von Barbara Bierach. Darin steht genau aufgeschrieben, wie Sie als Chef gerne wären, aber erst mal nicht sein dürfen. Welche reizvollen, aber momentan verhängnisvollen Entwicklungsstufen auf dem Weg vom Kollegen zum Chef, vom Chef zum richtigen Chef, zum Vorstand, zum Vorstandschef lauern. Bis die einst begabte und ehrgeizige Führungskraft zwangsläufig zu dem wird, was alle werden, die ganz oben sind: ein Wrack, das auch noch Schaden anrichtet.

Des täglichen Geschäfts völlig enthoben, umgeben von Statussymbolen wie Vorstandspissoirs mit Panoramablick über die Frankfurter Skyline, der neuen Ehefrau, eigenen Aufzügen. So ruinieren sie die Firma.

Angeblich. Nur dass dies natürlich totaler Quatsch ist. Es ist genau umgekehrt - und genau das muss der Manager des Jahres 2004 lernen, bevor er sich vorübergehend in Sack und Asche kleidet: Es ist gut, eitel, selbstherrlich, hochfahrend und brutal zu sein. Schließlich möchte niemand gern für ein Unternehmen arbeiten, das von einem graumäusigen und bescheidenen Chef geführt wird.

Die Wahrheit ist, dass es nur einen Grund gibt, ein Unternehmen ganz nach vorne bringen zu wollen. Und das ist der, dass man selbst ganz nach vorne will. Bosse werden nur deshalb Bosse, damit sie endlich zu Barbaren werden können.

Und warum finden wir das im Grunde unseres Herzens auch ganz richtig?

Damit wir einen Grund haben, ihnen nicht nachzuweinen, wenn wir sie endlich losgeworden sind. Und dann endlich guten Gewissens auf ihren Stühlen Platz nehmen können. Damit wir selbst mal so richtig die Sau rauslassen können.

Schreiben Sie der Autorin: weidenfeld@tagesspiegel.de.

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