Kolumne Rush-Hour
Lügen lohnt sich doch

Drei Millionen Italiener, so berichten italienische Tageszeitungen, verstecken sich zur Urlaubszeit. Sie erzählen ihren Freunden und Verwandten, dass sie verreisen – und verschanzen sich dann heimlich zu Hause.

Drei Millionen Italiener, so berichten italienische Tageszeitungen, verstecken sich zur Urlaubszeit. Sie erzählen ihren Freunden und Verwandten, dass sie verreisen - und verschanzen sich dann heimlich zu Hause. Hinter verschlossenen Fensterläden bleiben sie einfach wochenlang in der eigenen Wohnung. Sie leben aus dem Tiefkühlschrank, kriechen, wenn die Nachbarn zum Blumengießen kommen, unter die Betten, und stellen ihre Kinder mit Computerspielen und Videos ruhig. Die Mitbringsel aus dem Urlaub bestellen sie im Internet. Damit verbergen sie, dass sie kein Geld zum Verreisen haben. Ganz Italien ist schockiert und sinnt bedrückt darüber nach, ob und wie lange eine Gesellschaft mit solchen großen sozialen Lügen leben kann.

Wir fragen uns natürlich zuallererst, ob das stimmt. Kann ja auch Spaß machen, so ein Urlaub daheim unterm Bett. Wenn die Nachbarn sich auch verstecken etwa.

Die eigentliche, übergreifende und existenzielle Frage aber zu diesem neuen Gesellschaftsspiel ist aber die, ob sich Lügen lohnt. Die landläufige Meinung ist, dass Lügen sich nicht lohnt. Schließlich haben die Italiener ja selbst die gut versteckten mucksmäuschenstillen drei Millionen Landsleute zu Hause unter ihren Betten gefunden. Und jetzt weiß jeder, dass die gelogen haben. Peinlich irgendwie.

Ist es aber wirklich so? Zum Beispiel, wenn die zu Hause gebliebenen Italiener sich aber trotz alledem gut erholt haben. Hat es sich dann nicht doch gelohnt zu lügen?

Genau so ist es. Alle lügen. Und es lohnt sich in den allermeisten Fällen auch. Sonst hätten wir es uns schon längst abgewöhnt. Im Augenblick zum Beispiel ist gerade wieder einmal eine prima Zeit für Lügen aller Art ausgebrochen. Gerade und vor allem in der Wirtschaft. Die Manager und Vorstandschefs lügen, dass sich die Balken biegen. Nicht nur, dass auch sie so tun, als führen sie in den Urlaub - und, wir ahnen es, sich dennoch heimlich im Büro verschanzen. Schlimmer noch: Nicht nur die Chefs verstecken sich. Tausende von Mitarbeitern verstecken sich mit. Sie schleichen sich in die Firma und rödeln, was das Zeug hält. Werksferien bei Volkswagen? Ha, dass wir nicht lachen. Da wird gearbeitet, dass die Schwarte kracht. Krise bei den Werbeagenturen? Ja, und warum sehen wir dann niemanden mehr in Marbella am Strand? Weil die ganzen Werber alle heimlich ackern, in Hamburg, München und Berlin. Bankenkrise? Na klar. Nur wo? Haben Sie jemals darüber nachgedacht, warum Ihre Firma nach den Ferien immer so ungewohnt und so anders aussieht? Das ist, weil alle anderen nur vorgetäuscht haben, dass sie in Urlaub fahren.

Wer sich bislang gewundert hat, woher die Nachrichten vom bevorstehenden Aufschwung kommen, wenn doch gleichzeitig die Unternehmens- und Arbeitsmarktzahlen gar nicht gut sind, der weiß jetzt Bescheid: Die Chefs machen es wie die Italiener. Sie haben nicht nur sich und ihre Mitarbeiter gut versteckt. Sondern auch den Aufschwung. Liz Mohn beispielsweise hat ihn bei Bertelsmann einfach in die Truhe gestopft, Wendelin Wiedeking hat ihn unter den Sitz seines 911er geschoben. Bei Daimler-Chrysler soll er, so hört man, in Gestalt eines Plüschteddys im Vorzimmer des Vorstandschefs schlummern.

Und warum gibt es diese Münchhauseniaden? Damit die letzte Entlassungswelle noch komplikationslos über die Bühne geht. Damit die Kunden aus Mitleid noch einen Auftrag zuschanzen. Damit niemand auf die Idee kommt, schon wieder Forderungen zu stellen, wo man sich gerade dran gewöhnt hat, wie hübsch es ist, wenn niemand etwas will.

Was also haben die Manager und Unternehmer, Wirtschaftsprüfer und internen Revisionisten aus den Worldcom- und EM.TV-Skandalen gelernt? Dass Lügen nicht lohnt? Papperlapapp. Besser lügen. Das ist Fortschritt.

Ursula Weidenfeld leitet das Wirtschaftsressort des "Tagesspiegels".

Wenn Sie der Autorin schreiben wollen: weidenfeld@tagesspiegel.de

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