Kolumne: Rush Hour
Mahlzeit!

Niemand glaubt mehr an Zahlen. Warum auch? Wir alle haben in den vergangenen Jahren schmerzlich lernen müssen, dass auf das, was unsere Firmen so offiziell von sich geben, kein Verlass ist.

Bilanzen, Produktionspläne, Gehaltserhöhungen - alles verschwand im Reißwolf, bevor wir überhaupt Gelegenheit hatten, uns an die schönen Aussichten zu gewöhnen, die da aufgeschrieben wurden.

Aber wenn man den Zahlen misstraut, wem soll man dann vertrauen? Den Chefs etwa, die sich immer noch täglich begeistert über den Zustand der Firma äußern? Den Aktionären, die die Pakete an dem Schrotthaufen von Firma immer noch halten, als gäbe es nirgends auf der Welt Zinsen?

Nein. Denen kann man genauso wenig trauen. Wichtiger sind andere Sachen. Flüssigseife zum Beispiel. Wenn Sie in einem Unternehmen arbeiten, das sich auf den Toiletten Flüssigseife leistet, müssen sie sich sorgen. Es war schon ziemlich lange kein Unternehmensberater mehr im Haus. Besser ist, wenn es angegammelte, glitschige Stück-Seifen gibt: Da macht sich jemand Gedanken, wie die Kosten der Firma zu senken sind. Wenn schon Flüssigseife, dann wenigstens recycelte Papierhandtücher.

Oder Kaffeemaschinen. Wie sehen sie aus, die gurgelnden Automaten auf dem Tisch der Assistentinnen: Noch Espresso aus undichten, zischenden Maschinen, die keinen Kaffee, sondern eine Art gepresste Trockenfuttertablette schlucken? Schlecht. Ihrem Laden geht?s so miserabel, dass sich nicht einmal einer die Mühe macht, die Leichen rauszuschaffen. Haben Sie dagegen schon wieder normalen Bürokaffee? Das ist gut - wenn die Maschine vor kurzem auf Firmenkosten angeschafft wurde und der Kaffee etwas kostet.

Sehr zuverlässig ist auch der Blumen-Indikator. Ist das Gebinde auf dem Schreibtisch des Chefs höher als 50 Zentimeter? Findet es noch Platz auf dem Schreibtisch, oder benötigt es schon einen eigenen Platz im Büro? Die Formel für den Blumenindikator lautet: je größer der Strauß, je weiter entfernt und gestylter der Lieferant, desto nachlässiger das Controlling, desto schöngeistiger der Chef - desto größer die Gefahr für Sie und Ihren Job. Wenn Sie es sich aussuchen können - heuern Sie in diesen Zeiten irgendwo an, wo es entweder gar keine Blumen gibt oder wo die Blumen vom Laden um die Ecke kommen. Oder wo die mindestens fünfzigjährige Assistentin des Chefs die Blumen aus dem eigenen Garten mitbringt. Da sind Sie sicher!

Bedeutend ist der "Mahlzeit"-Alarm: Wenn es schon beim Betreten der Firmenzentrale nach Essen riecht, ist höchste Vorsicht angebracht. Hier handelt es sich vermutlich nicht um ein dynamisches Unternehmen. Sondern um eines, wo die Küchenkräfte im Betriebs- oder Personalrat durchgesetzt haben, dass die Tür beim Kochen offen bleibt. Das ist schlecht. Riecht es nach Eintopf, sind Sie mit ziemlicher Sicherheit in einem der typischen paritätisch-mitbestimmten "Mahlzeit"-Sager-Unternehmen gelandet.

Aber manche, bisher zuverlässige Signale haben heute ihre Aussage verkehrt: Der Kicker-Indikator zum Beispiel war bis vor sechs Monaten das wichtigste Argument zur Flucht. Heute aber können Sie unbesorgt wieder bei einer Firma einsteigen, die einen Kicker im Flur stehen hat. Sie hat überlebt.

Na ja, und dann gibt es noch den Indikator, der sagt, wie es Ihrer Firma geht - und an welcher Stelle Sie stehen, wenn es wieder besser wird. Ein ganz einfacher Test. Wann lesen Sie diese Kolumne? Am Freitag, den 6. Februar? Am Freitag den 20. Februar? Im April? Nun: Der Artikel ist am sechsten erschienen. Je dicker die Umlaufliste ist und je weiter hinten Sie stehen - na ja, Sie wissen schon.

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