Kolumne: Rush Hour
Plappern für den Aufschwung

Unser Lieblings-Managementberater führt uns wieder einmal in die Irre. Er klärt uns darüber auf, wie schädlich das Schweigen im Allgemeinen und das Schweigen im Besonderen ist.

Unser Lieblings-Managementberater führt uns wieder einmal in die Irre. Er klärt uns darüber auf, wie schädlich das Schweigen im Allgemeinen und das Schweigen im Besonderen ist. Schweigen im Allgemeinen verdrängt Konflikte, schreibt der Harvard-Professor Leslie Perlow im "Harvard Business Manager". Schweigen im Unternehmen sei verheerend, weil es echtes Geld kostet. Die ganzen guten Ideen, die einfach unausgesprochen bleiben, bremsen die Entwicklung, jammert der Experte. Die hunderttausend ungelösten Beziehungskonflikte zwischen Chefs und ihren Untergebenen, um die sich niemand kümmert. Vergiften das Klima, einfach unerträglich. Der nicht gehobene Schatz betrieblicher Verbesserungsvorschläge, reine Ressourcenverschwendung.

Ach, wenn sie doch nur reden täten, seufzt der Managementberater. Und erzählt wahre und schauerliche Geschichten, was passieren kann, wenn das Schweigen nicht gebrochen wird. Die Bibliotheksangestellten beispielsweise könnten ziemlich frustriert bleiben und ihre Archivkarten immer lustloser stapeln, wenn der Chef sich immer noch nicht um ihre Sorgen kümmert.

Und was das heißt, wissen inzwischen alle. Wenn die Bibliotheksangestellten erst mal die Lust verloren haben, dann pflanzen sich Lustlosigkeit und nachlassende Produktivität in Windeseile fort im Unternehmen. Und schwups, ehe man sich versieht, ist sie auch in der Chefetage angekommen und richtet weiteres Unheil an. Lustlose, mürrische, schweigende Chefs, wer will das schon? In diesen Zeiten.

Deshalb: Reden, reden, reden Sie mit den Archivangestellten, den Assistentinnen des Vertriebs, mit Kantinenküchenhilfen, mit Gleichaltrigen, mit Frauen, mit ihren Rivalen. Kommunizieren Sie mit ihren Beratern, den Teamkollegen. Nur Reden bringt den Laden wieder nach vorn.

Warum eigentlich? Warum reden und nicht handeln? Der Managementberater sagt, dass Handeln immer nur die Folge von Reden sein kann, niemals aber die Voraussetzung. Dieses ganze Gequassel soll gut für die Firma sein? Ist das Ich-bin-sehr-berührt-wenn-du-so-offen-bist tatsächlich die neue Coca-Cola-Formel eines Dax-30-Unternehmens? Das süßliche Dauergewisper zwischen den Chefs und ihren Angestellten ist der Grundton des erfolgreichen 21. Jahrhunderts?

Hat sich eigentlich schon mal jemand gefragt, warum wir gerade in der tiefsten Stagnation der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte stecken? Kommt das etwa daher, dass entschlossen gehandelt und verbissen gearbeitet wird?

Nein. Es kommt daher, dass immer und immer wieder neu geredet wird. Es kommt daher, dass jeder alles sagen darf und das Recht hat, dass ihm verständnisvoll begegnet wird. Das Dauer-Geschnatter ist es, das die Unternehmen und die Wirtschaft lähmt. Denn diejenigen, die an der Wahrheit der Rede-Doktrin zweifeln, müssen wieder und wieder in Kommunikationsseminaren schwitzen, anstatt anpacken zu dürfen.

Kein Wunder, dass die führenden Managementberater schon einen neuen Trend sehen: das schweigende Unternehmen. Eines, in dem Anordnungen einfach befolgt werden. In dem es keine Meetings gibt und keine Versammlungen. In dem weder schädliches noch nützliches Gequatsche auf den Gängen geübt wird. Eine Firma, die in Seminaren für Anfänger Klappehalten üben lässt. In solchen für Fortgeschrittene: Schweigen. Die Führungskräfte bekommen noch Extrastunden: Feindselig zurückschweigen in Konfliktsituationen. Zum Beispiel.

Wenn Sie der Autorin schreiben wollen: weidenfeld@tagesspiegel.de

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