Kolumne: Rush-Hour
Studieren Sie Stalin!

Es gibt eine Menge zu lernen in diesen Tagen. Über das Verlieren, um genau zu sein. Neuerdings wimmelt es von Verlierern, wohin man auch blickt. Erstaunlich daran: Im Gegensatz zu früher, als meist ein einziges Menschenopfer reichte, um die neue Zeit geziemend einzuläuten, verliert man jetzt genau so, wie man vorher gewonnen hat - im Team.
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Überall finden sich neuerdings regelrechte Zusammenrottungen von Losern. Bei der WestLB zum Beispiel. Kaum im Amt, muss Jürgen Sengera schon wieder gehen. Und mit ihm zwei Vorstandsmitglieder, vermutlich plus Star-Investmentbankerin Robin Saunders. Bei der Bahn: nicht genug damit, dass es den Vorstand Christoph Franz erwischte, weil die Kunden das neue Preissystem einfach nicht verstehen wollten. Nein, er riss gleich den Marketing-Mann Gustav Koch und die Fahrpreisexpertin Anna Brunotte mit in den Abgrund.

Jetzt rächt es sich, dass seit einigen Jahren jeder neue Chef gleich seine ganze Clique mit in die Chefetage gebracht hat. Weil man sich schon so gut kennt und Vertrauen ja so wichtig ist. Weil man es Führungskräften nicht zumuten kann, mit immer neuen Kollegen die gute Teamarbeit zu üben. Da ist es irgendwie nur logisch, dass die Kuschelgruppen jetzt auch gemeinschaftlich abgemeiert werden.

Daraus zu schließen, dass es am Ende immer schief geht, wenn man sich in eine Seilschaft begibt, ist natürlich falsch. Schließlich muss man ja irgendwie nach oben kommen. Die Kunst ist, sich rechtzeitig abzusetzen. Wie in jedem guten Radrennen. Man muss den richtigen Zeitpunkt für einen Ausreißversuch finden.

Das ist ziemlich einfach: zwei Quartale Minuszeichen vor der Entwicklung? Dann wird es Zeit für ein eigenes Profil. Beginnen Sie damit, Dinge, die Sie Ihrem väterlichen Freund und Vorgesetzten bisher mündlich gesteckt haben, in kleine schriftliche Mitteilungen zu fassen. Weisen Sie nur ganz knapp auf Missstände hin, mindestens vier Fünftel des Papiers widmen Sie kreativen Lösungsvorschlägen. Verstecken Sie kleine Warnungen. Geeignet dafür sind alle Sätze, die mit "sollte?" beginnen.

Ihr Chef wird unruhig? Beruft immer öfter Abendsitzungen ein, bei denen alle auf einem weißen Blatt Ideen für eine "Wir-müssen-noch-mal-Durchstarten-Initiative" aufschreiben sollen? Höchste Zeit, die Mittagessen- Kantinen-Gemeinschaft zu lockern und sich - ruhig zur selben Zeit wie die Freunde aus dem Team - gelegentlich mit den Kollegen aus anderen Vorstandsressorts zum Essen zu verabreden.

Wichtig: Ruhe bewahren. Noch wissen Sie nicht, ob es ihn wirklich erwischt. Es reicht, alle offenen Rechnungen mit anderen Vorständen glattzustellen, konstruktive Anmerkungen auf die anderen Ressorts zu konzentrieren, anerkennende Worte über konkurrierende Seilschaften zu verlieren, Selbstkritik zu üben. Schön auch, wenn Sie sich gerade jetzt in ein direkt beim Vorstandschef angesiedeltes Team von Führungskräften schmuggeln können, die wirklich richtig unattraktive und schmerzliche Arbeiten verrichten sollen: zum Beispiel das Streichen von Dienstwagen vorbereiten, das Reduzieren von Assistentinnen, eine neue Reisekostenrichtlinie. Klar, Sie wissen, dass das Kleinkram ist, dass es von den wirklich wichtigen Fragen ablenkt. Aber Sie brauchen jetzt Freunde - und die Nähe der Unternehmensberater, die wahrscheinlich gerade jetzt in Mannschaftsstärke in Ihrem Unternehmen tätig werden. Empfehlen Sie sich als Change-Agent, als einer, der den Wandel prima vorantreiben kann.

Sparen Sie Ihre Kraft. Ihr Meisterstück müssen Sie erst abliefern, wenn es zum Showdown kommt.

Ihr Chef wird gefeuert. Seine Kisten stehen schon auf dem Flur, sein Dienstwagen in der Firmengarage auf dem Dauerparkplatz, die Assistentin schluchzt.

Jetzt ist Ihre Stunde gekommen. Galgenhumor ist gut, Verzweiflung ist schlecht. Bleiben Sie anständig, sorgen Sie für einen ordentlichen Abschied (in der Kneipe ein paar Straßen weiter, nicht im Büro!). Bringen Sie Ihre neuen Freunde in Stellung. Klagen Sie sich in geeigneter Runde ein bisschen an. Bewerben Sie sich zur Dekontamination auf ein (befristetes) Auslandskommando. Fassen Sie ein neues Team ins Auge.

Und: Glauben Sie nicht an den Kapitalismus. Studieren Sie Stalin!

Wenn Sie der Autorin schreiben wollen: weidenfeld@tagesspiegel.de

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