Kolumne: Rush Hour
Vorsicht. Sommerpause.

Ferien können für Chefs so schön sein. Alle sind weg, es gibt keinen Widerstand. So machen es alle: der Bundeskanzler mit seinen Reformen, die Bahn mit dem neuen alten Preissystem, Ford mit seiner Sparwelle.

Sommer ist, still ruht der Konzern. Niemand mehr da, nur im Keller rumoren ein paar Maler, die gleich den Großraum im zweiten Stock neu tünchen wollen. In den Büros dämmern die Sachbearbeiter vor sich hin, von denen man noch nie wusste, ob sie noch leben oder schon eine Inventarnummer tragen. In der Musterwerkstatt kehrt ein Ingenieurs-Praktikant, ein anderer staubt in der Bibliothek die Geschäftsberichte ab.

Nur in der Chefetage, da sitzt einer und lenkt. Klar, dass der Chef in diesen Zeiten nicht von Bord geht. Wenn er die Wahl hat, zu Hause Ordnung zu schaffen oder im Unternehmen - ist doch klar, wofür er sich entscheidet. Schweren Herzens. Natürlich. Aber Irene kennt das schon, alleine mit den Kindern. Bekommt allen gut. Irgendwie.

Der Chef nimmt das Telefon und versucht, den Betriebsrat zu erreichen. Die Lage ausloten, ein paar Verabredungen treffen, vielleicht ein bisschen Frieden machen mit diesem renitenten Typen, der von September an wieder den Aufstand der Anständigen leiten wird. Er erreicht - die Assistentin des Arbeitnehmervertreters. Er versucht es bei der Personalabteilung: Nur das begabte Fräulein Referendarin ist anwesend, der Personalchef liegt auf Sylt herum. Ungeduldig wählt der Chef das hausinterne Büro des Unternehmensberaters: Keiner da, Inhouse-McKinsey macht Sommerpause bis 1. September.

Ein bisschen sauer ist er jetzt schon. Aber dann besinnt er sich und denkt: "Ach was, was brauch? ich die! Das kann ich auch allein."

Er besucht den Praktikanten in der Musterwerkstatt und die Maler im zweiten Stock. Erklärt denen, dass sie noch einen Job haben. Wände einreißen im obersten Stock, Großraum einrichten, Kunstbilder rausschleppen, alles weiß tünchen. Das Fräulein Justiziar-Referendarin wird zum Essen ausgeführt, Spesenprüfung der zweiten Führungsebene angeordnet. Die Betriebsratsassistentin wird im Büro überrascht, und ein paar Aktenordner werden eingesammelt. Ist so abgesprochen, logisch, der Chef kennt die Rechtslage. Mitbestimmung ist etwas Großartiges, so gesehen. Nachdenklich mustert der Chef den blank geputzten Berater-Schreibtisch. Irgendwo sind sie doch, die persönlichen Führungsprofile, irgendwo müssen sie doch sein. Klar, dass man sich dafür interessiert. Schließlich zahlt die Firma für den ganzen Klimbim. Also gehören sie auch uns.

Ein Fischzug. Und dann wird das Unternehmen einfach neu erfunden. Etwas Besseres kann man in der Sommerpause nicht machen. Alle sind weg, es gibt keinen Widerstand. So machen es alle: der Bundeskanzler mit seinen Reformen, die Bahn mit dem neuen alten Preissystem, Ford mit seiner Sparwelle.

Das geht ganz einfach, im Sommer. Und wenn sie wiederkommen, die "Ich-habe-Familie-deshalb-muss-ich-ja-in-den-Sommerferien-Urlaub", dann stehen ihre Stühle schon im Großraum oder vor der Tür. Die Abmahnungen an die "Italien-trotz-alledem-Helden" sind geschrieben, die Zurückstufungen - wegen schlechter persönlicher Beurteilung - schon seit Tagen in Kraft. Und wenn noch alle dastehen und sich die Augen reiben, ob man was ändern kann, ob man sich überhaupt wehren soll, wo doch alle Fakten schon geschaffen sind - dann ist für den Chef irgendwie die Zeit für einen ordentlichen Urlaub gekommen.

Ferien können so schön sein, denkt sich der Praktikant. Und beschließt, dass er seinen Urlaub immer erst im September nehmen wird, wenn er mal groß ist.

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