Kolumne: Wall Street Inside
Desillusioniert: Warnung vom Arbeitsmarkt

Selbst in einer Woche, in der man sich geradezu nach Konjunkturdaten sehnt, weil weder das Wirtschaftsministerium noch die Einkaufsmanager noch die Universitäten und Institute irgendwelche neuen Indizes vorlegen, selbst in einer so leeren Woche hat der Markt die eine, jede Woche so scheinbar belanglose Meldung ignoriert - die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe. Zu Unrecht, wie sich einen Tag später zeigt.

wsc NEW YORK. Die Zahl derer, die in der vergangenen Woche zum ersten Mal ohne Job da stehen und jetzt beim Staat die Hand aufhalten müssen, ist auf 398 000 zurückgegangen. Damit waren es nur wenig mehr als Experten im Vorfeld erwartet hatten, und vor allem waren es immer noch weniger als die kritischen 400 000, die man in Krisenzeiten gewohnt ist - und doch: Bei genauerem Hinsehen ist es der Arbeitsmarkt, der eine ohnehin unwahrscheinliche gesamtkonjunkturelle Erholung nahezu unmöglich macht.

Denn während die Erstanträge der letzten Woche im Rahmen liegen, ist doch der Vier-Wochen-Schnitt auf den höchsten Stand seit einem Monat geklettert. Und obwohl die Zahl der Arbeitslosen steigt, nimmt die Zahl derer, die vom Staat wirklich unterstützt werden, weiter ab.

Düster liest sich auch eine Studie, die die Arbeitsmarktforscher von Challenger Gray & Christmas am Freitagmorgen vorlegen, und die manchem die Augen öffnet, der den Zahlen noch am Vortag keine Beachtung schenkte. So brauche der Arbeitslose zur Zeit durchschnittlich 15 Wochen, um einen neuen Job zu finden - das ist die längste Zeit, die man in der 17-jährigen Geschichte der Marktstudien ermittelt hat.

Die 15-wöchige Wartezeit hat mittlerweile zur Folge, dass sich viele Arbeitslose gar nicht gleich um einen neuen Job bemühen. Solche Geschichten kennt mittlerweile jeder aus dem eigenen Freundeskreis - ich höre sie regelmäßig von mindestens vier Bekanntn. Eine davon ist Barbara H., 40 Jahre alt und bis vor vier Monaten Angestellte der Deutschen Bank in New York. Als man ihr kündigte, schrieb sie nicht etwa einen Stapel Bewerbungen, sondern beschloss, erst einmal abzuwarten, den Sommer zu genießen und die Job-Suche auf Oktober zu verschieben.

Das hängst zum einen mit den schlechten Erfolgsaussichten zusammen, zum anderen damit, dass amerikanische Arbeitnehmer mit ihren Jobs immer unzufriedener sind. "Die große Mehrheit der Amerikaner geht nicht mehr mit Freude zur Arbeit", sagt Lynn Franco, Direktorin bei der Forschungsgruppe The Conference Board, die ebenfalls in dieser Woche eine entsprechende Studie vorgelegt hat. "Arbeitnehmer sind mit ihrem Bonus nicht zufrieden und haben außerdem erkannt, dass viele Firmen aus finanziellen Gründen Fortbildungsmaßnahmen und anstehende Beförderungen ausgesetzt haben." Darunter leidet nicht nur die Profitabilität eines Unternehmens, die Unlust schlägt sich auch auf die Stimmung im Betrieb nieder. Franco: "Nur noch 58 % arbeiten gerne mit ihren Kollegen zusammen." Frühere Studien haben Werte um 64 % ermittelt.

So unerfreulich diese Zahlen sind - ganz überraschend kommen sie nicht. Die schlechten Wohlfühl-Werte hängen direkt mit dem quantitativ schwachen Arbeitsmarkt zusammen, und dass der weitere schwach bleibt, liegt auf der Hand: Denn die Entlassungswelle in Corporate America geht weiter. Auch nach dem offiziellen Ende der Rezession haben die Firmen nicht aufgehört Kosten zu sparen. Im Gegenteil: Seit Beginn des Jahres ist allein die Zahl der noch geplanten Entlassungen um 23 % gestiegen, eine weitere Verschlechterung der Situation kann also nicht ausgeschlossen werden.

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