Kolumne: Wall Street inside
USA: Die hilflose Suche der Analysten

"Wichtig sind die beiden letzten Handelsstunden", meinte Art Cashin noch am Vormittag. Denn dann erst könne man sehen, ob Anleger in eine Rallye einsteigen würden, so der Parkettchef der UBS Paine Webber. Cashin sah dabei nicht besonders optimistisch aus...

wsc NEW YORK. ... er ist es schon seit einigen Tagen nicht - und seine jahrzehntelange Erfahrung an der Wall Street gab ihm einmal mehr recht. Cashin musste die letzten beiden Stunden gar nicht abwarten - schon kurz nach Mittag stürzte der Dow erstmals ins Minus.

Das hatte zwar andere Gründe, als sie Cashin Minuten vorher noch hatte sehen können - gerade hatte General Electric Entlassungen im großen Stil angekündigt und damit alles andere als eine optimistische Haltung gegenüber der Konjunktur gezeigt -, doch ist auch diese Meldung symptomatisch für den gebeutelten US-Markt, der nun eine Geschichte mehr hat, über die sich Anleger den Kopf zerbrechen können.

Als hätte man am Dienstag nicht schon genug Nachrichten. Dass sich der Dow überhaupt einen Vormittag lang im Plus halten konnte und nach dem GE-Sturz wieder ins grüne Terrain lugt, grenzt schon fast an ein Wunder. Denn viel gibt es nicht, was aus Zweiflern plötzlich Käufer machen könnte. Einen Boden im Markt sieht nur noch das ewig bullishe Markt-Maskottchen Abby Joseph Cohen, die aus dem Research-Zentrum von Goldman Sachs seit Wochen die Wende herbeiwünscht. Andere behelfen sich auch am Dienstag mit der Ausflucht "es müsste ja schon lange, aber ich weiß auch nicht...".

Tatsächlich sind fundierte Prognosen absolut unmöglich in einem Umfeld, in dem die Skandalkette nicht etwa abreißt, sondern auch nach Enron und WorldCom immer dickere Klunker birgt. So stellt sich bei Ermittlungen in Washington heraus, dass die Ideen zur Enron?schen Bilanzschmiererei nicht etwa in den Stuben des texanischen Energiehändlers reiften - sondern direkt in den Köpfen der Banker. JP Morgan und die Citigroup haben allem Anschein nach selbst Konzepte zur Bilanzpflege geschaffen und diese auch an andere Unternehmen verkauft. Weitere Enthüllungen stehen also bevor.

Die beiden Banken belasten den Dow übrigens mit einem Minus von jeweils 16 %, und damit sind die Blue Chips erneut auf dem Weg zu einem erschreckenden Rekord. Drei Tage in Folge haben einzelne Dow-Papiere nun zweistellig verloren, nachdem Johnson & Johnson am Freitag und SBC Communications am Montag tief gefallen waren.

Von Enron ist es ein kleiner Schritt zu den Unternehmen, die den Markt ab Dienstag am stärksten belasten. Eine ganze Reihe schlechter Nachrichten kostet die Energieriesen Unsummen: Duke spricht eine Gewinnwarnung aus, Williams hat das bereits am Vortag getan, Dynegy spricht von unerwartet geringem Cash Flow und die Banc of America stuft den gesamten Sektor kurzerhand ab. "Wir bedauern diesen Schritt, zumal der Energiesektor schon so gerupft wurde", sagen die zuständigen Analysten William Maze und Shelby Tucker. "Aber wir sehen Schwäche im Sektor und bezweifeln, dass die Unternehmen ihre Prognosen einhalten werden." Dieses Urteil kostet Williams 41 %, Mirant und Reliant 36 %, El Paso 22 % und eine Reihe Konkurrenten zwischen 5 und 15 % an Börsenwert.

Ein Unternehmen, dass dem ärgsten Strudel zumindest der Wall Street-Journaille für ein paar Tage entkommen schien, kehrt am Dienstag in die Schlagzeilen zurück - mit einer Meldung, die das Tor zu Spekulationen jeder Art öffnet. Das Management von Tyco gibt bekannt, man werde zunächst nicht auf die Bilanzen schwören, wie das eine neue Richtlinie an der Wall Street vorsieht. Vertrauensbildend ist diese Meldung nicht.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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