Kolumne: Wiebes Weitwinkel
Das Gesicht des Geldes

Der Schweizer Philosoph Johann Caspar Lavater entwickelte im 18. Jahrhundert die Anschauung, man könne aus den Gesichtszügen eines Menschen auf seinen Charakter schließen.

Wir wollen diese Theorie, die bei den Zeitgenossen viel Aufsehen erregte, hier nicht vertiefen. Aber vielleicht lohnt es sich, den Grundgedanken aufzugreifen, nachdem die wichtigste Währung der Welt, der Dollar, ein neues Gesicht bekommen hat: das von US-Notenbankchef Ben Bernanke, dem Nachfolger des legendären Alan Greenspan.

Kein Bereich der Politik betrifft so unmittelbar jeden Bürger und ist zugleich so unverständlich wie die Geldpolitik. Kein Bereich ist so akademisch und zugleich so irrational. Denn immerhin glauben Milliarden Menschen, dass ein Stück Papier oder eine elektronische Buchung einen Wert repräsentiert. Auf diesem Glauben beruht das internationale Finanzsystem. Umso wichtiger ist das Vertrauen in die Herren des Systems – die Geldpolitiker. Ihre Ausstrahlung, ihre Gesichter, durch die Medien weltweit verbreitet, spielen daher eine wichtige Rolle – gerade weil das, was sie tun, so schwer zu erklären ist.

Betrachten wir Jean-Claude Trichet, den Präsidenten der Europäischen Notenbank, Greenspan und Bernanke. Trichet wirkt Vertrauen erweckend, aber hin und wieder angestrengt und spitz, zuweilen beinahe maskenhaft. Greenspans verschmitzte Ausstrahlung hingegen würde einem Magier gut zu Gesicht stehen. Und Bernanke schaut offen und ruhig in die Kamera – ein Mann, der keine Angst hat und nichts verbirgt.

Wie gesagt, wir wollen Herrn Lavater und seine obskure Theorie nicht überstrapazieren. Aber passen die drei Gesichter nicht zum jeweiligen geldpolitischen Kurs? Trichet hat bisher durch hartnäckige Langweiligkeit geglänzt. Dabei gerät er hin und wieder in die Defensive, wird eingezwängt zwischen Politikern, die ihm ihre Fehler in die Schuhe schieben wollen, und beinharten Monetaristen, die die reine Lehre einfordern. Zu Greenspan: Wer denkt bei „Magie“ nicht auch an den legendären Clown im Zirkus Roncalli mit seinen gigantischen Seifenblasen?

Und Bernanke? Der Mann hat Beständigkeit, eine verständlichere Sprache und eine größere Offenheit angekündigt – das, was auch sein Gesicht verspricht. Hoffen wir, dass an der Theorie Lavaters was dran ist.

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