Kommender Aufschwung vergrößert das Leistungsbilanzdefizit
USA: Risikofaktor Leistungsbilanz

Paul O`Neill sieht kein Problem. Angesprochen auf das hohe Leistungsbilanzdefizit der USA (rund 423 Milliarden US-Dollar im Jahr 2001) antwortete der US-Finanzminister mit einer lapidaren Gegenfrage: "Warum soll ich darüber besorgt sein?"

DÜSSELDORF. Schließlich resultiere das Defizit auch daraus, dass Investoren ihr Geld gerne in den USA anlegten - weil sich dort bessere Erträge erzielen ließen "als in anderen Teilen der Welt".

Was O´Neill gleichwohl nicht wegreden kann: Der in Gang kommende Aufschwung dürfte das Leistungsbilanzdefizit der USA weiter vergrößern - was nicht nur die Notenbank zu Zinserhöhungen veranlassen, sondern auch den Dollar unter Druck bringen kann. In der Leistungsbilanz werden alle ex- und importierten Waren, Dienstleistungen und Transferzahlungen erfasst. Ist der Saldo negativ, übersteigt also der Einfuhrwert den Ausfuhrwert, finanziert das Land einen Teil seiner Investitionen mit ausländischem Kapital - und muss dafür Schulden aufnehmen.

In den vergangenen Jahren haben die USA prächtig damit gelebt. Im Jahr 2000 hatte der negative Außenbeitrag mit minus 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) seinen höchsten Wert in den letzten 18 Jahren erreicht. 2002 dürfte der Wert bei minus 3,9 Prozent liegen und schon 2003 wieder über die negative Vier-Prozent-Schwelle steigen. Analysten wie Jan Hatzius von Goldman Sachs in New York halten gar ein Defizit von bis zu sechs Prozent für denkbar .

Nicht alle Beobachter verfolgen die Entwicklung denn auch so gelassen wie der US-Finanzminister. Die USA müssten ihr Defizit

auf Dauer in den Griff bekommen, mahnte unlängst Notenbank-Chef Alan Greenspan. Ihm machen die 2001 um 8,2 Prozent gestiegenen US-Auslandsschulden Sorgen, die immer höhere Zinszahlungen bewirken. Stephen Roach, Chefvolkswirt der Investmentbank Morgan Stanley, zweifelt gar daran, dass die USA ihre Leistungsbilanzlöcher weiterhin so großzügig mit Auslandskapital stopfen können. Im Januar hat sich die Nachfrage nach Dollar-Anlagen bereits deutlich verringert. Mit 11,3 Milliarden Dollar ist weitaus weniger Kapital aus dem Ausland zugeflossen als im Monatsdurchschnitt des vergangenen Jahres, der bei 44 Milliarden Dollar lag. Roach: "Wenn dieser Trend anhält, wird Amerikas Fähigkeit ernsthaft eingeschränkt, sein hohes Defizit zu finanzieren."

Roach hält deshalb folgende Entwicklung für wahrscheinlich: Der Dollar wird schwächer und die Zentralbank zieht die Zinszügel an, was die Importe verteuert und so die Leistungsbilanz entlastet. Die Folge: niedrigeres Wachstum und sinkende Investitionen.

Das Szenario des bekennenden Konjunkturpessimisten Roach muss jedoch nicht zwangsläufig eintreten. Defizite in der Leistungsbilanz gehören zu Amerika wie Football und Hamburger; positiv war der Saldo zuletzt 1991. Wirklich geschadet hat das jahrelange außenwirtschaftliche Ungleichgewicht der Wirtschaft augenscheinlich nicht, im Gegenteil. In den Neunzigerjahren verzeichneten die USA den längsten Aufschwung ihrer Geschichte. Auch jetzt noch gilt die US-Wirtschaft als robust. Nach dem aktuellen konjunkturellen Einbruch könnte die US-Wirtschaft im vierten Quartal 2002 schon wieder mit 3,0 bis 3,5 Prozent wachsen.

Massive Kapitalabflüsse aus den USA sind daher vorerst nicht zu erwarten - zumal es für die Anleger an Alternativen fehlt. Leistungsbilanzdefizite sind deshalb auch vor allem für Entwicklungsländer problematisch, wenn externe Schocks oder innenpolitische Krisen die wirtschaftliche Stabilität gefährden und Anleger ihr Kapital von heute auf morgen abziehen. Das aber ist in den USA unwahrscheinlich. "Die USA sind nach wie vor das von internationalen Anlegern am meisten geschätzte Land", urteilt Thomas Mayer, Euroland-Chefvolkswirt von Goldman Sachs. So kletterten die Nettozuflüsse von Auslandskapital in die USA im vergangenen Jahr auf 455,9 Milliarden Dollar - ein Plus von 2,8 Prozent.

Quelle: Wirtschaftswoche

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