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Kommentar: Aktienindizes sind Messinstrument des Vertrauens

Patriotismus ist in den USA angesagt - auch an der Börse. Es geht jetzt nicht mehr allein um die Kurse: Die westliche Gesellschaft braucht funktionierende Finanzmärkte, die reelle Gewinnchancen bieten. Außerdem sind die Aktienindizes ein Messinstrument dafür, wie sehr die Menschen an ihre Zukunft glauben.

Die Terroranschläge gegen die USA haben nicht nur in Amerika bei vielen Menschen das Grundvertrauen zerstört. Haben wir nicht alle mit dem Gefühl gelebt, dass die Welt - zumindest ihre für uns relevanten Teile - weitgehend ein sicherer, gut funktionierender Ort ist? Fühlten wir uns nicht gut geschützt von einer Supermacht, die im Vergleich mit allen denkbaren Alternativen überragende Sympathienoten verdient? Von diesem Grundvertrauen war das gesamte Wirtschaftsleben getragen, es bildete die Basis der Finanzmärkte und einer Gesellschaft, die mehr und mehr auf diese Märkte baut, zum Beispiel als Kern einer neuen Altersvorsorge. Wie es in den nächsten Monaten weitergeht - nicht nur an der Börse, aber auch dort - hängt also wesentlich davon ab, wie viel Vertrauen die Menschen wieder fassen können.

Die wichtigste Rolle spielt die amerikanische Regierung. Sie steht unter enormem Erwartungsdruck. Ihre Reaktion auf die Anschläge kann im besten Fall das Grundvertrauen zu einem großen Teil wieder herstellen, im schlimmsten Fall die Reste davon hinwegfegen. Der beste Fall wäre eine Aktion, bei der es gelänge, wirklich Schuldige zu treffen und Unschuldige zu schonen. Der schlechteste Fall wäre der, bei dem eine ganze Region destabilisiert - Pakistan verfügt immerhin über Atomwaffen - und das Leid vieler unschuldiger Menschen die Reservearmee potenzieller Gewalttäter vervielfältigen würde.

Die Wahrscheinlichkeit spricht weder für die beste noch für die schlechteste Variante. Schuldige zu treffen ist schwierig im afghanischen Bergland. Zumal Terrorismus - anders als das, was man bisher unter "Krieg" verstanden hat - in erster Linie eine Frage von Personen ist; militärische Einrichtungen spielen eine untergeordnete Rolle. Ein schneller Erfolg wäre daher eine Sensation - die wir uns natürlich alle wünschen. Aber auch das Horrorszenario ist nicht sehr wahrscheinlich. Die Amerikaner sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Sie möchten ein politisches Antiterrornetz im Nahen Osten aufbauen und brauchen dazu die Unterstützung der Menschen dort. Außenminister Colin Powell zeigt Besonnenheit, und er kann sich das als Held des Golfkriegs leisten.

Nicht zufällig hört man aus den USA immer wieder die Botschaft, dass der Krieg sehr lange dauern könne. Die Amerikaner mildern damit den Erwartungsdruck, unter dem sie stehen. Sie bekräftigen ihre Entschlossenheit, ohne sie sofort mit spektakulären Aktionen unter Beweis stellen zu müssen - was nicht ausschließt, dass sie bei passender Gelegenheit plötzlich zuschlagen. Wahrscheinlich gibt es zu dieser Strategie gar keine sinnvolle Alternative.

Voraussichtlich haben wir daher eine längere Wartephase vor uns, innerhalb derer wir nicht recht wissen, ob sich die Situation zum Guten oder zum Schlechten wendet. Kleinere Erfolge und Misserfolge könnten sich abwechseln, und wenn zu wenig passiert, wächst die Ungeduld und damit die Gefahr von Aktionen, die nur sehr eingeschränkten Erfolg versprechen. Während dieser Phase der Ungewissheit werden auch die Kursbarometer der Börsen anzeigen, dass die Menschen das Vertrauen noch nicht zurückgewonnen haben.

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