Kommentar
Aktienmärkte: Achterbahnfahrt geht weiter

Das zehrt an den Nerven: Schließen die wichtigsten weltweiten Aktienbarometer an einem Tag rund fünf Prozent im Minus, liegen sie wenige Tage drauf schon wieder sechs Prozent im Plus, nur um am nächsten Tag abermals deutlich nachzugeben.

Der Volatilitätsindex VDax, das Messinstrument für die Schwankungsbreite bei deutschen Standardwerten, notiert momentan so hoch wie zuletzt nach den Terroranschlägen in den USA - ein Zustand, an den sich Anleger zunächst gewöhnen müssen. Denn mit einer geringeren Volatilität ist so schnell nicht zu rechnen. Letztlich ist das hektische Auf und Ab ein Zeichen für die Verunsicherung der Marktteilnehmer - und die dürfte anhalten.

Seit Mitte der 90er-Jahre verzeichnete die Volatilität drei extreme Anstiege: während der ersten Asienkrise 1997, während der zweiten Asienund der Russlandkrise 1998 sowie nach den Terroranschlägen vom 11. September. Immer waren es vor allem exogene Schocks, die zur Unsicherheit und damit zu Schaukelbörsen führten. Nach einer gewissen Zeit legte sich die Nervosität regelmäßig und die Börsen kehrten zum Alltag zurück.

Diesmal aber ist die Krise hausgemacht - und tief greifender. Bilanzfäschungen und andere unsaubere Managementpraktiken haben das Vertrauen zerstört. Da die Unternehmenszahlen kaum noch als zentrale Informationsquellen für Anlageentscheidungen taugen, verlieren viele Investoren die Bereitschaft, langfristig in Aktien zu investieren.

Ein wichtiger Grund der starken Schwankungen: Die Manager großer Investmentfonds schichten ihre Aktienpositionen immer häufiger um. Ihre Reaktion ist verständlich: Viele Investoren haben mit dem früher so beliebten Grundsatz, eine Aktie zu kaufen und hartnäckig zu halten, da sie schon irgendwann steigen wird, Monat für Monat heftige Verluste erlitten.

Mit den Bilanzskandalen ist jetzt auch noch das grundsätzliche Vertrauen in die Qualität ihrer Investments gesunken. Nun versuchen offenbar auch immer mehr professionelle Anleger, die für gewöhnlich einen langen Atem haben, kurzfristige Schwankungen der Aktien auszunutzen und auf die Schnelle Geld zu machen. Ihr Motto: Lieber kleine Gewinne als große Verluste.

Es mag dahingestellt sein, ob sie damit erfolgreich sind, oder ob das häufige Hin und Her letztlich nur die Taschen leert. Auf jeden Fall führt die geänderte Anlagepraxis an der Börse zu höheren Ausschlägen. Bei einer positiven Meldung greifen viele Investoren schnell zu einer Aktie. Doch kommt es auch nur zu einer kleineren Korrektur, werden sie nervös und stoßen den Wert sofort wieder ab - egal, ob der Rückschlag fundamental gerechtfertigt ist oder nicht. Ergebnis: Die Aktienbörsen fahren Achterbahn.

Ebenso schwankend entwickeln sich die Anleihenmärkte, denn wer sein Geld weniger in Aktien investiert, kauft davon häufig Staats- oder Unternehmensbonds. Vor dem erneuten Einstieg in Aktien werden diese wieder verkauft - fundamentale Konjunkturdaten spielen kaum eine Rolle, es wird gezockt.

Vertrauen fehlt noch

Die Märkte dürften sich erst wieder stabilisieren, wenn sich langfristige, wertorientierte Strategien der Anleger durchsetzen. Das setzt aber voraus, dass sie wieder Vertrauen in die Geschäftspraktiken der börsennotierten Unternehmen gewinnen.

Ob die jetzt vorgelegten Gesetzesverschärfungen der Bush-Regierung dazu beizutragen, wird sich erst auf längere Sicht zeigen. Zunächst ist allerdings zu befürchten, dass weitere Bilanztricksereien ans Licht kommen - denn in den USA läuft die Berichtssaison auf Hochtouren.

Als weiterer Grund dafür, dass die Aktienmärkte derzeit so stark schwanken, gilt bei einigen Beobachtern die vermehrte Tätigkeit von Hedgefonds. Sie lassen allein schon durch ihre Finanzkraft so manchen Anleger in Ehrfurcht erstarren: Im Jahr 2001 verwalteten weltweit etwa 7 000 Fonds ein Vermögen von rund 600 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Marktkapitalisierung aller 30 Unternehmen im Dax beträgt zurzeit etwa 520 Milliarden Euro.

Bei Hedgefonds handelt es sich um Kapitalsammelstellen, die unterer anderem mit Leerverkäufen operieren, um unabhängig vom Börsengeschehen eine konstante Rendite zu erzielen. Bei einem Leerverkauf leiht sich der Fonds Aktien bei einer Bank oder einer Anlagegesellschaft und zahlt dafür eine Gebühr. Die Papiere verkauft er an der Börse.

Sinkt der Aktienkurs, klingelt die Kasse: Er kauft die Papiere zu einem niedrigeren Preis an der Börse und gibt sie seinem Leihgeber zurück. Die Differenz zwischen Verkaufs- und Rückkaufkurs ist sein Gewinn.

Steigt die Aktie hingegen, wird es für ihn problematisch, denn spätestens am Ende der Leihfrist muss sich der Fonds die Aktien am Markt besorgen und dem Besitzer zurückgeben - ganz egal, wie hoch die Aktie mittlerweile notiert.

Sind viele solcher Short Seller bei einer Aktie auf dem falschen Fuß erwischt worden, kann das den Aufwärtstrend noch verstärken, da sie die Aktien kaufen müssen und damit den Kurs weiter steigern, was wiederum neue Leerverkäufer in die Enge treibt.

Ob die Tätigkeit von Leerverkäufern grundsätzlich zu starken Schwankungen führt, ist bei Marktteilnehmern jedoch umstritten. Schließlich können die Eindeckungskäufe eine Abwärtsbewegung des Marktes auch abfedern und die Volatilität reduzieren.

Ohnehin verfolgen Hedgefonds--Manager eine Vielzahl von Strategien, nicht nur Short-Selling. Wie andere Anleger auch, wünschen sich viele vor allem einen klaren Trend. Denn das Hin und Her nervt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%