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Kommentar: Ausverkauf bei AT&T

Bisher ist es nur ein Angebot. Ein feindliches obendrein. Die angebotene 58 Mrd $ teure Übernahme des Kabelfernsehnetzes von AT&T, die Comcast, ein Breitbanddienstanbieter aus Philadelphia, am Sonntag öffentlich gemacht hat, kann am Votum der Aktionäre der mehr als hundertjährigen Telefon-Ikone AT&T scheitern. Doch ein Signal ist sie bereits jetzt: Ein Signal für den Ausverkauf des einst übermächtigen US-Konzerns. Rund 100 Mrd $ hatte AT&T für den Kauf der Kabelnetzbetreiber Tele-Communications und MediaOne Group vor zwei, drei Jahren hingeblättert. Jetzt wird ihm dafür gut die Hälfte geboten.

Eine Unverschämtheit, möchte man meinen. Aber selbst wenn die AT&T-Aktionäre dies so sehen, ist es wahrscheinlicher, dass sie dies dem Chairman und CEO ihres Konzerns, C. Michael Armstrong, anlasten. Seine Strategie, den im Kampf um die sinkenden Telefongebühren zunehmend umsatzlahmen Konzern durch Internet- und Fernsehangebote aus einer Hand auf einen höheren Wachstumspfad zu führen, sind komplett gescheitert. Das wissen alle AT&T-Anteilseigner seit dem vergangenen Oktober, als Armstrong nach Bekanntgabe der Drittquartalszahlen zurückruderte und die Aufspaltung des hastig zusammengekauften Ladens als neue Strategie verkaufte.

Gerade heute wollte Armstrong die Abspaltung des Mobilfunkgeschäfts AT&T Wireless Services mit Stolz verkünden. Nach der Comcast-Offerte dürfte dies kaum noch angemessen sein. Zwar "wissen" derzeit nur die Analysten, was AT&T Broadband wirklich wert ist, und sie taxieren 60 Mrd $. Doch ob dem mit 14 Millionen Kunden größten Kabelnetzbetreiber der USA wie geplant im Herbst ein Börsengang gelänge, ist fraglich. Einer der größten AT&T-Aktionäre hat bereits verlauten lassen, er ziehe die Verschmelzung mit Comcast vor. Immerhin schreibt die Nummer drei auf dem US-Kabelmarkt mit acht Millionen Kunden schwarze Zahlen. Bei AT&T sind sie tiefrot.

Was das Angebot für Armstrong und Co völlig unannehmbar macht, ist Comcast-Firmengründer Ralph J. Roberts. Zwar hält die Familie des Mannes, der sein Imperium 1963 mit dem Kauf einer Antennenanlage für 1 200 Haushalte in Tupelo, Mississippi begann, nur zwei Prozent des Comcast-Kapitals, verfügt aber über 86 % der Stimmrechte. Immerhin soll ihr Stimmrechtsanteil nach der Transaktion auf 40 bis 50 % sinken und AT&T-Aktionäre dadurch die Kontrolle bekommen. So sieht es das Angebot vor. Eine Ohrfeige für Armstrong bleibt es allemal. Beim Erwerb des Kabelunternehmens MediaOne hatte Armstrong Roberts ausgestochen, jetzt will dieser alles zurückkaufen.

Trotzdem ist der Zeitpunkt, zu dem Comcast die jüngst gescheiterten Kaufverhandlungen mit AT&T um ihr Breitbandgeschäft öffentlich macht, mehr als nur eine gezielte Demütigung von Armstrong. Denn erstens sollen noch im Juli die AT&T-Aktionäre auf der Hauptversammlung über den Börsengang eben des Breitbandgeschäfts entscheiden. Und zweitens fehlt es derzeit an bindenden Regelungen der Federal Communications Commission (FCC) zur maximalen Marktmacht beim US-Kabelfernsehen. Die bisherige 30-Prozent-Grenze, deretwegen AT&T mit ihren zusammengekauften 42 % unter Druck stand, ist durch ein Gerichtsurteil momentan außer Kraft gesetzt.

In diese doppelte Lücke stößt das Comcast-Angebot. Noch hat nämlich die FCC keine neue Marktgrenze festgesetzt. Durchaus möglich, dass sie rückwirkend erlassen wird. Und deshalb ist neben den AT&T-Aktionären für Comcasts Griff nach dem Fernsehkabel von AT&T auch die Marktbehörde ein unwägbares Risiko. Gegner einer solchen Mammutfusion wetzten bereits heute ihre politischen Krallen und sprachen von einer Herausforderung für die Bush-Administration. Wie immer der Kampf der Giganten ausgeht, er ändert nichts an dem Signal: Bei AT&T, der US-Telefonikone, stehen die Zeichen auf Ausverkauf.

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